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„Menschen-Cloud“ - oder einfach nur Projektarbeit?

Was ist dran an IBMs Umbauprogramm?

15.02.2012
GULP Redaktion
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In der Presse ist derzeit viel von einem Umbauprogramm im Deutschlandableger des US-amerikanischen IT-Konzerns IBM zu lesen, das auf den Namen „Liquid“ hört – zu Deutsch „flüssig“ oder „disponibel“. Interne Stellen sollen abgebaut werden, dafür mehr Externe flexibel und projektbezogen zum Einsatz kommen. Ein Aufschrei geht derzeit durch die deutsche Medienlandschaft – warum? Was ist dran an der „Menschen-Cloud“?

Das IBM-Projekt „Liquid“

IBM will in Deutschland interne Stellen abbauen – bis zu 8.000, heißt es in einem Artikel des Handelsblatts vom 1. Februar. Die Zeitung beruft sich dabei auf Angaben von „Mitgliedern der höchsten Führungsgremien der deutschen IBM“. Dieser Artikel ist eine der beiden Quellen für die momentane Berichterstattung – die zweite ist ein Spiegel-Bericht vom 5. Februar. Dem Spiegel liegt eigenen Angaben zufolge ein internes IBM-Papier vor, auf dem die Neuorganisation der Arbeitsstrukturen skizziert ist. Eine offizielle Stellungnahme von IBM fehlt bislang.

Parallel zum Abbau der internen Stellen sollen mehr freiberufliche Experten beschäftigt werden. Die Aufträge für Selbstständige sollen nicht nur deutschlandweit, sondern international ausgeschrieben werden – womit Freiberufler aus dem deutschsprachigen Raum in direkte Konkurrenz mit Kollegen zum Beispiel aus Osteuropa, Indien oder Afrika treten würden.

„Kundenprojekte wie etwa die Beratung bei der Modernisierung von Unternehmenssoftware“ sollen künftig „verstärkt von freien anstelle der bisher fest angestellten Mitarbeitern durchgeführt werden. IBM will solche Projekte auf Internetplattformen ausschreiben, wo sich dann auch die ehemals fest angestellten IT-Entwickler um die Jobs bewerben können“, heißt es im oben erwähnten Handelsblatt-Artikel.

Auf dieser Internetplattform „sollen sich freie Mitarbeiter aus der ganzen Welt präsentieren und nach bestimmten, von IBM entworfenen Qualitätsmerkmalen zertifiziert werden“, so Spiegel Online. Die Mitarbeiter würden nur für die jeweilige Projektdauer bei IBM beschäftigt werden. Ob die Projektarbeiter Angestellte mit befristeten Verträgen wären oder Selbstständige, die über Projektverträge ins Unternehmen kommen, geht aus dem bislang über das Projekt Bekannten noch nicht hervor.

Obwohl die Berichterstattung noch ziemlich ungenau ist und IBM selbst sich noch nicht dazu geäußert hat, herrscht Aufruhr in der Webgemeinde – und im IT-Projektmarkt. „Unsozial“ und „menschenverachtend“ findet die eine Seite das Projekt, die andere sieht Vorteile für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Ziel von IBM ist vermutlich nicht nur eine Reduzierung der Fixkosten und damit eine Maximierung des Gewinns, sondern eine Flexibilisierung und Globalisierung ihrer Arbeitsmodelle. Solch ein Pool an Mitarbeitern, die für Aufträge bereit stehen, ermöglicht es, die richtigen (und günstigsten) Mitarbeiter zum idealen Zeitpunkt und so lange, wie benötigt einzusetzen – egal, aus welchem Land sie kommen. Bis auf den globalen Aspekt klingt das so, als würde es dem Geschäftsmodell von Personalagenturen ähneln, bei denen Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum den passenden Mitarbeiter mit dem richtigen Know-how zum idealen Zeitpunkt und für die Dauer eines Projekteinsatzes finden. Also alles nur alter Wein in neuen Schläuchen? Wir geben einen Überblick über die Pro- und Contra-Argumente – der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Unsozial und menschenverachtend?

Zu den Gegenargumenten zählt, dass das Modell von IBM, sollte es tatsächlich so eingeführt werden, dem sozialen (oder sozialistischen) Gedanken widerspricht, dass Schwächere von den Stärkeren aufgefangen und mitgetragen werden. Keinen bezahlten Urlaub mehr, wahrscheinlich schlechtere Sozialleistungen, Weiterbildung auf eigene Kosten – das Modell lohnt sich nur für Arbeitnehmer, die mehr verdienen als ein Dauer-Angestellter. Ähnlich verhält es sich mit der Planungssicherheit: Wer nicht mehr weiß, ob er in einem Jahr noch in Lohn und Brot steht, sollte dafür entsprechend vergütet werden. Ob das so ist, daran bestehen Zweifel. Das Lohnniveau werde sinken, wird befürchtet, da über die Online-Plattform immer jemand zu finden sei, der günstiger ist oder mehr unbezahlte Überstunden macht. Die Motivation der Arbeitnehmer sinkt in Folge, da sind sich die Kritiker einig. Wer austauschbar ist, nicht mehr über einen sicheren Job verfügt und sich als Kostenfaktor fühlt, dem fehlen Ansporn und Spaß an der Arbeit.

Ein Problem wäre auch die Auswahl der Kandidaten – ist das geplante Bewertungsmodell funktionsfähig und ausreichend? Projektarbeiter können bei „Liquid“ von IBM Zeugnisse und Bewertungen bekommen, die auch andere Unternehmen einsehen können, so die Medienberichte. Aber Menschen öffentlich einsehbar zu bewerten – das dürfte schwer umzusetzen sein. Kann der Arbeitgeber die Bewertungen, die er abgibt, dazu missbrauchen, um den Arbeitnehmer unter Druck zu setzen? Und wie sieht es überhaupt mit dem Datenschutz aus? Viel eher braucht ein Arbeitnehmer wohl Erfahrung und Referenzprojekte, um an spannende und gut bezahlte Projekte zu kommen – wie es bei IT-Freiberuflern bereits üblich ist.

Diese Argumente erinnern etwas an Diskussionen in der Frühzeit des IT-Projektmarkts – damals, 1996, als gerade die ersten Skill-Profile von Freiberuflern online gestellt wurden. Im IT-/Engineering-Projektmarkt ist es vor allem die Erfahrung, die zählt. Referenzprojekte machen ein Skill-Profil aussagekräftig.

IT-Projektmarkt: Freiberufler sind aus freien Stücken Freiberufler

Das Arbeitsmodell der projektbezogenen Einsätze ist wahrlich kein unbekanntes. Projektteams aus Internen und Externen arbeiten in fast allen Unternehmen bereits heute erfolgreich zusammen: Angestellte kennen das Unternehmen, die Tools und die Prozesse – und Selbstständige bringen Spezialwissen mit, das im Unternehmen nicht vorhanden ist. Also alles keine Revolution.

Der größte Unterschied dürfte allerdings sein, dass Freiberufler in IT und Engineering in der Regel gerne und aus freien Stücken selbst Unternehmer sind. Sie würden auch eine Festanstellung finden, wenn sie möchten – wollen sie aber nicht. Ob bei IBM dagegen die entlassenen Angestellten zu Projektarbeitern werden möchten, ist die Frage. Vielleicht wechseln sie zu einem der Konkurrenten, der ihnen das Arbeitsmodell bieten kann, das ihnen gefällt: die Festanstellung. Oder sie satteln auf ein Erwerbsmodell um, das ihnen volle Freiheit und Flexibilität bei angemessener Entlohnung bietet: Sie werden Freiberufler und treten nicht nur IBM, sondern allen Unternehmen als professioneller Geschäftspartner entgegen. In diesem Fall müsste die Anzahl der IT-Freiberufler in Deutschland steigen.

Steigen Motivation, Qualität und Gehalt?

Befürworter des IBM-Projekts sind der Meinung, dass die Motivation der Arbeitnehmer steigt – und damit auch die Qualität und Menge der erledigten Arbeit. Wer sich nicht auf einem unbefristeten Vertrag ausruhen kann, muss sich in jedem Projekt neu beweisen. Der Arbeitnehmer kann selbstbestimmter arbeiten und zum Beispiel in mehreren verschiedenen Projekten gleichzeitig tätig werden. Zeitfressende Organisations- und Verwaltungsaufgaben kann er an geringer Qualifizierte weiterreichen. Im Normalfall bekommt er für seinen hohen Einsatz und für die neuen Risiken, die er tragen muss, ein höheres Gehalt als vorher. Ein Spezialist, der nur projektbezogen im Unternehmen ist, ist nicht mehr in die Grabenkämpfe oder politischen Spielereien eingebunden und kann sich auf das Wesentliche konzentrieren. Warum nicht einzelne Dienstleister beschäftigen, die jeweils auf einen speziellen Arbeitsschritt oder Teil eines Produkts, z.B. einer Software, spezialisiert sind – und sich nicht um das große Ganze kümmern müssen? Kurz: Die Projektarbeiter hätten die Vorteile eines Freiberufler-Daseins.

Für alle Selbstständigen könnte das Modell von IBM ohnehin nützlich sein – schließlich würden sie alle Projekte des IT-Konzerns auf einen Blick sehen und könnten sich darauf bewerben. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Großunternehmen nicht direkt mit Selbstständigen, sondern mit einem ausgewählten Kreis an Vermittlern zusammenarbeiten, wäre das tatsächlich eine Revolution. Vor allem dann, wenn andere IT-Firmen nachziehen würden. Aber wollen Selbstständige sämtliche Webseiten verschiedener IT-Unternehmen durchsuchen? Oder sich doch lieber in Form von Projektanfragen ansprechen lassen? So oder so ändert sich für IT-Freiberufler durch „Liquid“ nicht viel - sie kennen das Arbeitsmodell längst.

Alles in allem zeigt sich: Große Teile aus der Diskussion um IBMs Menschen-Cloud sind nichts anderes als Argumente in der Diskussion um die Vor- und Nachteile der Freiberuflichkeit. Der Faktor, der den Unterschied macht, heißt Freiwilligkeit. Ob dieser Aspekt in IBMs „Liquid“ berücksichtigt wird, ist noch nicht definitiv sicher. Solange sollte man mit einem endgültigen Urteil noch warten. Was ist Ihre Meinung zu „Liquid“?