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Jugendwahn in der IT-Branche?

Welche Rolle das Alter auf dem Projektmarkt spielt

30.11.2016
GULP Redaktion – Monika Riedl
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Über Twitter erreichte uns unlängst eine interessante Frage: Spielt das Alter bei Freiberuflern eine Rolle, wenn es um das Thema Projektakquise geht? Ausschlaggebend war ein Bericht über den Arbeitsmarkt in der Schweiz, laut dem es stellensuchende Informatiker ab 50 Jahren schwerer haben, einen neuen Job zu finden. Und auch in Deutschland ist die Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt offensichtlich ein Thema. Viele ältere Jobsuchende berichten von Problemen bei der Stellensuche aufgrund ihres Alters. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Mehr als ein Viertel der deutschen Langzeitarbeitslosen (26 Prozent) ist älter als 55 Jahre.

Aber trifft diese Tendenz auch auf Freelancer zu? Oder wirkt sich eine längere Berufserfahrung in dieser Branche sogar positiv auf die Auftragslage aus? Für die aktuelle GULP Freelancer Studie gaben uns 1.291 IT- und Engineering-Freelancer eine Einschätzung zum Projektmarkt. Wir haben die Ergebnisse nach einzelnen Alterskategorien aufgeschlüsselt. 

Beim Stundensatz zeichnet sich ein interessantes Bild ab: Obwohl die 30- bis 39-Jährigen mit durchschnittlich 87,38 Euro ganze 3,90 Euro mehr als der Gesamtdurchschnitt (83,48 Euro) verdienen, haben die 50- bis 59-Jährigen mit durchschnittlich 88,70 Euro die Nase vorn. Ein erstaunlicher Schritt ist zur nächsten Altersklasse zu sehen: Hier ist der Durchschnitt um gute 10 Prozent niedriger.

Aufträge in Sicht?

Im Gesamtdurchschnitt sind die befragten Freiberufler durchaus optimistisch, was ihre Auftragslage betrifft. Drei Viertel (75,6 Prozent) machen sich keine Sorgen um den nächsten Auftrag. Auf die Altersklassen heruntergebrochen, zeigen sich bei dieser Frage tatsächlich altersspezifische Unterschiede: Während die Gruppe der 30- bis 39-Jährigen noch selbstbewusster ist und sich 83,6 Prozent keine Sorgen um den nächsten Auftrag machen, sind es bei den 50-59-Jährigen nur 70,9 Prozent – 4,7 Prozentpunkte weniger als der Gesamtdurchschnitt.

Eine Besonderheit zeigt sich auch bei den 60- bis 69-Jährigen. Sie machen sich seltener Sorgen um den nächsten Auftrag als der Gesamtdurchschnitt. Das ist jedoch nicht verwunderlich: Ein deutlich höherer Anteil gab an, sich nach dem aktuellen Projekt zur Ruhe setzen zu wollen (22,0 Prozent im Vergleich zu 2,5 Prozent) – damit sind Auftragssorgen hinfällig.

Akquise vs. Kundenstamm

Auch die Gründe, warum sich die Freiberufler Sorgen beziehungsweise keine Sorgen um den nächsten Auftrag machen, unterscheiden sich zwischen den einzelnen Altersklassen. Hier unterscheiden sich die 30- bis 39-Jährigen von ihren älteren Kollegen. Diese suchen den Fehler bei sich selbst und geben mangelnde Akquise als Hauptgrund an – der Druck, sich erst einmal einen Kundenstamm aufbauen zu müssen, ist hier also besonders hoch. Bei den Freelancern über 40 sind fehlende Aufträge der Hauptgrund für Sorgen um das nächste Projekt.

Gleichzeitig scheinen die Jüngeren überdurchschnittlich mehr Vertrauen in ihre Akquisefähigkeiten zu haben. Bei den Optimisten, die sich keine Sorgen um das nächste Projekt machen, wurde dieser Punkt deutlich häufiger genannt, nämlich von 70,2 Prozent statt 65,2 Prozent im Gesamtdurchschnitt.

Zufrieden mit dem Freiberufler-Dasein?

Vor allem bei den 50- bis 59-Jährigen zeigt sich Ernüchterung: Sie sind am wenigsten mit ihrer beruflichen Situation zufrieden (77,4 Prozent im Vergleich zu 83,9 Prozent im Gesamtdurchschnitt) und sind eher geneigt, eine Festanstellung zu guten Konditionen anzunehmen (44,1 Prozent im Vergleich zu 34,1 Prozent im Gesamtdurchschnitt). Auch hier zeigt sich also die „U-Kurve“ der Zufriedenheit, wie sie oft von Glücksforschern festgestellt wird. Demnach nimmt die Zufriedenheit bzw. das Glück allgemein zur Lebensmitte hin ab, um dann nach der berühmten Midlife-Crisis wieder zu steigen. Der Tiefpunkt liegt allerdings bei den Freiberuflern nicht rund um die 40, sondern ereilt die meisten etwa zehn Jahre später.

Die Einschätzung, ob einem IT-Selbstständigen im Schnitt mehr zum Leben übrig bleibt als einem Festangestellten, ist ebenfalls abhängig vom Alter: Je älter die Befragten waren, desto seltener stimmten sie dieser Aussage eher oder komplett zu. Umso schöner ist jedoch, dass trotz allem die Freelancer selbstständig aus Überzeugung sind und zwar über alle Altersgruppen hinweg zu einem sehr hohen Prozentsatz (94,3 im Gesamtdurchschnitt). 

Gibt es also eine Altersdiskriminierung auf dem IT- und Engineering-Projektmarkt? Die Tatsachen, dass sich auch Freelancer zwischen 50 und 60 mehr Sorgen um den nächsten Auftrag machen und dass sich die Auftragslage anscheinend schlechter gestaltet als für die jüngeren Kollegen, sollten eigentlich dafür sprechen. Und auch die allgemeine Zufriedenheit lässt in dieser Altersklasse nach, sodass die Option, in eine Festanstellung zu wechseln, etwas attraktiver wird. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite stehen der höhere durchschnittliche Stundensatz und das dennoch hohe Vertrauen in die eigenen Akquisefähigkeiten, die der Generation 50plus hoffentlich etwas Mut machen. Auffallend sind auch die „jungen Wilden“ zwischen 30 und 39, die sehr selbstbewusst sind, was Stundensatzforderungen und Auftragslage anbelangt.

Zur GULP Freelancer Studie 2016

Zum vierten Mal führt GULP Information Services die GULP Freelancer Studie durch. Sie erscheint als dreiteilige Whitepaper-Reihe. Laden Sie sich die einzelnen Teile herunter:

In diesem Jahr nahmen insgesamt 1.291 IT- und Engineering-Freelancer aus dem deutschsprachigen Raum teil. Medienpartner sind: 4freelance, Computerwoche, Crosswater, IT-Freelancer Magazin, mediafon und rgblog.

Lesermeinungen zum Artikel

4,7 von 5 Sternen | Insgesamt 3 Bewertungen und 8 Kommentare

  • Seniors im Glück und Middle Agers in der Starre

    Heiko Erhardt am 04.12.2016 um 02.02 Uhr

    Ich interpretiere das mal auf meine Weise:

    Die Seniors (> 60) verdienen vielleicht weniger als die benachbarte Altersgruppe, aber letztlich akzeptieren sie das, machen sich keinen Kopf um die Zukunft und fühlen sich ganz wohl in ihrer Situation.

    Ich möchte das ganze Gerede um Jugendwahn überhaupt mal hinterfragen.
    Ich nehme bei etlichen Freelancern im Alter >= 40 (bin ich selbst auch schon locker drüber) eine gewisse Unflexibilität wahr, so auf die Art "Damit habe ich in den letzten 10 Jahren doch ganz prima verdient, das mach ich jetzt einfach mal so weiter.". Business as usual.
    Ich stelle einfach mal die These auf, dass wenn die Damen (leider nur wenige) und Herren sich einfach immer wieder mal neu erfinden würden, die Branche nicht so sehr auf die quirligen Newcomer zurückgreifen müsste.

  • mir kommen keine Tränen

    Anonymer Knowledge Base Leser am 03.12.2016 um 07.42 Uhr

    @MasterofDesaster
    >>wenn ich vor allem die angegebenen durchschnittlichen (!) Stundensätze sehe.
    >>Da komme ich ja nicht mal ansatzweise heran. Ich führe gerade Verhandlungen um überhaupt in
    >>einem Projekt mal die 7 ganz vorne zu bekommen (bei GULP)...fast keine Chance....ich fühle mich veralbert

    Vor ein paar Jahren bekam ich ein interessantes Projekt über Gulp angeboten, das genau für mich passte. Ein Tag später bekam ich das gleiche Projekt von einem kleineren Anbieter auch angeboten. Dem sagte ich, dass ich schon über Gulp angeboten werden. Kurz danach bekam ich über Gulp mitgeteilt, dass sie mich nicht anbieten, da ich zu teuer sei. Ich habe dann den 2. Anbieter angerufen, dass er es jetzt versuchen kann. Noch am gleichen Tag bekam ich einen Anruf des Projektleiters des Kunden. Nach einem kurzen Telefoninterview war klar, dass es passt. Mein Preis war für ihn auch OK. Laut dem Projektleiter war ich der erste, der seine Anforderungen erfüllte. Ich war dann 1 1/2 Jahre fast Vollzeit in dem Projekt.

    Anscheinend versucht man erst die „günstigeren“ Kandidaten an den Mann zu bringen. Wenn das klappt ist die Marge höher. Nicht nur du, auch die Kunden müssten sich veralbert füllen, aber die bekommen das in der Regel leider nicht mit.

    Nach der Erfahrung habe ich mit Gulp nichts mehr zu tun (außer Newsletter lesen).

  • Anonymer Knowledge Base Leser am 02.12.2016 um 16.14 Uhr

    Bin jetzt knapp 63 und seit über 10 Jahren recht erfolgreich als Freelancer tätig.
    Hiwer im Osten sind natürlich nicht solche Stundensätze erzielbar. Einschränkend ist aber hier zu sagen, dass ich Fahrtkosten separat abrechne. Die genannten Sätze sind wahrscheinlich All-In-Beträge.
    Weiß der Teufel, aber aus heiterem Himmel sagt mir vor 10 Tagen ein Auftraggeber, dass ich nur noch im Notfall hinzugezogen werde. Ob ich mir das antue und warte, bis das Telefon klingelt? Eher nicht.
    Ein anderer Auftraggeber teilte mir diese Woche ähnliches mit, dass quasi jeder Tastendruck einzeln beauftragt wird.
    Und nun spielt er toten Mann. Lückenbüßer, und nur, wenn die Hütte brennt?
    Manche wollen mit allen Mitteln Kosten sparen, koste es, was es wolle.
    Aus meiner Sicht der völlig falsche Weg.

  • Stundensätze 2

    krischnamurti am 02.12.2016 um 14.01 Uhr

    @Andy: Was ist gute Qualifikation? Ohne naehere Beschreibung ist das kaum aussagekraeftig. Langlaeufer, eher kurze Sachen, welches - inhaltliche - Gebiet?
    In meiner Welt - gut qualifizierter hauptsaechlich C++-Programmierung mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Hintergrund auf teilweise PhD-Niveau - komme ich bei Massenvertickern wie ueber Gulp auf ca. 75EU. Gut, ich brauche die kaum noch, dann ist es auch mehr. Aber bei Durchschnitten (oder sind es Mediane, ich habe die Studie nicht gelesen) von weit ueber 80EU entstehen bei mir schon Fragen. Die lassen eher vermuten, dass das gewuenschte Saetze sind, aber nicht Umgesetzte. In einem Umfeld, welches ich 20 Jahre kenne, werden diese Saetze von Freien nicht dauerhaft verdient.

  • Stundensätze

    Andy am 02.12.2016 um 11.08 Uhr

    @MasterOfDesaster: "Schönreden"? Wozu? Bei guter Qualifikation und in der entsprechenden Region (z.B. Frankfurt) sind 85 EUR doch ein ganz "normaler" Stundensatz, habe sogar vor kurzem 95 EUR angeboten bekommen...

  • Trifft meine Sicht sehr exact

    Bernd am 02.12.2016 um 08.53 Uhr

    Ich erkenne mich in allen Auswertungen als angehender 40er sehr gut wieder.

  • und wieder kommen mir die Tränen

    MasterofDesaster am 02.12.2016 um 07.16 Uhr

    wenn ich vor allem die angegebenen durchschnittlichen (!) Stundensätze sehe.
    Da komme ich ja nicht mal ansatzweise heran. Ich führe gerade Verhandlungen um überhaupt in einem
    Projekt mal die 7 ganz vorne zu bekommen (bei GULP)...fast keine Chance....ich fühle mich veralbert.
    Leute, ich weiß ja nicht wie viele sich da selber schönreden...

    Was die eigentliche Frage angeht, habe ich derzeit wenig Bedenken (selber Ende 40), wenn man mal die politischen Unwägbarkeiten (Stichwort ScheiSe) ausser Acht lässt.

    Im aktuellen Projekt mit 10+ Externen im Team, gehöre ich eher zu den jüngeren....
    Die Situation bei typischen IT-Themen wird eher positiver werden in den nächsten Jahren.

  • Super

    Anja am 01.12.2016 um 16.49 Uhr

    Als 40 + Entwicklerin kann ich da nur zustimmen. Vielen Dank für den Artikel

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