Situation:
- Kunde SDV steht als Dienstleister einerseits unter enormem Innovationsdruck, wird Erwartungshaltung seitens der Auftraggeber-Banken schwer gerecht.
- Prozesse sind andererseits schwerfällig und bürokratisch, insbes. seit Verschärfung der Compliance-Anforderungen seitens Bankenaufsicht (BaFin) in Folge der weltweiten Banken- und Finanzkrise ab 2008.
- SDV hat den Ruf, für Projekte jeglicher Größenordnung immer (zu) lange zu brauchen.
- Projekte werden nach klassischem Wasserfall-Verfahren geplant und durchgeführt: ohne vollständiges, bankfachliches Konzept kein Softwarekonzept, ohne SWK keine Implementierung, am Ende der Entwicklung folgt eine sehr lange Testphase, Inbetriebnahme muß mit vielen Monaten Vorlaufzeit angemeldet werden.
- Herausforderung: agilere Prozesse in stark reguliertem Umfeld.
- Voriges großes sog. "Scrum-Projekt" läuft alles andere als agil (Banken leben nicht die Product Owner-Rolle, noch kein öffentliches Produkt-Release nach fast drei Jahren), daher Zweifel, ob agile Methoden sich überhaupt bei SDV einsetzen lassen.
- Nächstes großes Projekt auf der Agenda ist OKVS, in dem einerseits die bislang separaten Produkt-Vertriebskanäle für z.B. Girokonto, Baufinanzierung, Privatkredit vernetzt werden sollen, um nahtlose Kanalwechsel (z.B. von Smartphone zu Desktop-PC, Call Center oder Filiale) innerhalb eines Produkts zu ermöglichen.
- Andererseits soll der bislang nicht existente Kanal Mobil/Smartphone überhaupt erst aufgebaut werden: responsive Webseite, die sowohl auf dem Handy als auch später auf dem Desktop/Tablet gut aussieht und sich dynamisch an die Displaygröße anpaßt.
- Bei einer geschätzten Projektlaufzeit von drei Jahren wünschen die Banken frühere Releases wichtiger Kernfunktionalitäten statt des üblichen Big-Bang-Verfahrens mit großem Release am Ende des Projekts.
- [Name auf Anfrage] wird beauftragt, ein agiles Projekt so aufzusetzen, daß die schlechten Erfahrungen vorherigen "agilen" Projekts vermieden werden und tatsächlich sehr schnell nutzbarer Geschäftswert entsteht, den man produktiv setzen und daraus Nutzen ziehen kann.
Maßnahmen
- Die 12 Regionalbanken der Sparda-Gruppe delegieren alle Entscheidungen an einen Lenkungsausschuß mit Vertretern von nur 3 Pilotbanken plus SDV und Sparda Consult (SC), anstatt sich, wie üblich, immer in der großen Runde einigen zu müssen.
- SC setzt ein Product Owner Team (PO-Team) aus Bankmitarbeitern und einem externen Scrum Coach als Chief Product Owner auf.
- [Name auf Anfrage] setzt unter meiner Leitung bei SDV ein interdisziplinäres Scrum Team auf, bestehend aus o.g. PO-Team, in- und externen Entwicklern sowie weiteren Fachleuten von SC und SDV, welches vor Ort in einem großen Raum eng zusammenarbeitet. Dies ist das erste Sparda-Projekt, bei dem jemals Bankmitarbeiter und Entwickler direkt zusammengearbeitet haben.
- Scrum Training und fortlaufendes Vollzeit-Coaching für alle Projektmitarbeiter
- Die Verantwortung für das Recruiting externer Entwickler wird an mich delegiert, da ich anscheinend ein "gutes Händchen" dafür habe, gute Mitarbeiter auszuwählen.
- Ich übernehme neben dem Coaching und der Beratung des Managements bei SDV und SC auch die Rolle des Scrum Masters.
- Einführung agiler Entwicklungspraktiken: hoher Grad an Testautomation bis hin zu automatisieren Abnahmetests, Pair Programming, Continuous Integration, Feature Branch Workflow, Limitierung der WIP (work in progress) gemäß Kanban-Modell zur Vermeidung schädlichen Multitaskings.
- Einführung moderner Tools: Spock & Geb für Testautomatisierung statt JUnit & Selenium, Git zur Versionsverwaltung statt Subversion (SVN), Jenkins mit Continuous Builds für jeden Commit statt nur Nightly Builds, Maven statt Ant für Build & Dependency Management, IntelliJ IDEA statt Eclipse, Jira Agile mit vom SDV-Standard abweichendem, vereinfachtem, auf agile Methoden angepaßten Workflow.
- Verzicht auf bankfachliches und Software-Konzept, stattdessen agiles Requirements Engineering mittels User Stories, welche direkt von den Bankmitarbeitern des Scrum Teams geschrieben werden.
- Einführung projektbegleitender Abnahmetests im laufenden Sprint durch das PO Team pro User Story
- Etablierung zweiwöchiger Scrum Sprints, jeweils mit Lieferung eines lauffähigen, getesteten, abgenommenen Releases am Sprint-Ende.
- Kampf für mehr Autonomie des Entwickler-Teams bei technischen Entscheidungen. Daraus resultieren vom SDV-Standard abweichende, zukunftsweisende Entscheidungen bzgl. Architektur, Infrastruktur, Applikationsserver, Versionsverwaltung u.v.m.
Ergebnisse
- Schnellere Entscheidungen durch Lenkungsausschuß-Modell. Durch Scrum Möglichkeit, unterwegs zu lernen und den Projektplan entsprechend zu verfeinern und anzupassen, z.B. durch Aufnahme eines neuen, innovativen Features in den Projektplan, von dem man zu Projektbeginn noch gar nicht wußte, ob und wie es gesetzeskonform umsetzbar wäre.
- Verkürzung der Release-Zyklen: erstes Release (öffentlicher Launch der OKVS-Plattform) nach 6 Monaten, zweites Release 3 Monate später, drittes 6 Wochen später.
- Aufgrund ständiger PO-Tests im Sprint Verkürzung der Release-Abnahme-Phase von min. 7 auf max. 3 Wochen wegen bereits vorhandener Qualität und Testabdeckung.
- Für SDV-Projekte beispiellos hoher Test-Automationsgrad
- Ende 2015 überträgt SDV vom Projekt-Jahresbudget (2,8 Mio. €) einen Betrag von 1 Mio. € ins Jahr 2016, weil das Projekt mit weniger Entwicklern auskommt als geplant.
- Außer den anfänglich geplanten 7 Sparda-Banken entschließen sich nach dem erfolgreichen Release 1 auch die restlichen 5 dazu, OKVS einzusetzen und entsprechend mitzufinanzieren. Daß alle 12 Institute an Bord sind, kommt ansonsten nicht oft vor.
- Beschluß von Sparda-Banken und SDV, künftig große, komplexe Projekte bevorzugt mit Scrum umzusetzen und dabei auf interdisziplinäre Teams mit direkter Beteiligung von Bankmitarbeitern zu setzen.
- Stärkung des gegenseitigen Vertrauens zwischen Kunden (Banken) und Dienstleister (SDV) durch tägliche, direkte Zusammenarbeit vor Ort im Projekt. Abbau der vorherigen Abschottung gegeneinander.
- Erhebung diverser von OKVS erstmals eingesetzter Technologien zum neuen SDV-Standard
- Aufgrund des 2-wöchigen Release-Zyklus des Scrum Teams wächst der Wunsch der Banken, diese internen Releases auch häufiger produktiv in Betrieb zu nehmen. Erste Schritte hin zu einem DevOps-Modell (Verzahnung von Entwicklung und Betrieb), z.B. dauert das Produktiv-Deployment eines neuen Releases nur noch Minuten, weil es auf Knopfdruck erfolgt. Zuvor wurden noch Releases auf CD gebrannt, per Unterschriften auf Laufzetteln freigegeben und ins Rechenzentrum zur manuellen Installation transportiert.




Veronika, Java Developer