Bestandsaufnahme: Wo bleibt der IT-Nachwuchs?

19.09.2005
GULP Redaktion
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Deutschland droht ein massiver Fachkräftemangel im ITK-Sektor. Zum einen entscheiden sich trotz guter Arbeitsmarktperspektiven zunehmend weniger Abiturienten für ein Informatik- oder Ingenieurstudium. Zum anderen kann die Zahl der Absolventen den Bedarf der Wirtschaft bereits jetzt kaum decken. Zusätzlich verschärft wird dieser Trend durch die anstehenden Pensionierungswellen der älteren und zahlenmäßig überlegenen Generation.

Doch nicht nur die demografische Lücke gilt es zu schließen. Auch dem durch Strukturwandel, Innovationsdruck und Wirtschaftswachstum hervorgerufenen Mehrbedarf muss begegnet werden. Ein aussichtsloses Unterfangen, vergegenwärtigt man sich die Zahlen.

Zu wenig Informatiker und Ingenieure

Nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Studienanfänger in den Fächergruppen Mathematik-Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften seit 2003 rückläufig. Vor allem der Studiengang Mathematik-Naturwissenschaften ist mit einem Rückgang um neun Prozent besonders betroffen. Die stärksten Spuren hat der Rückgang in den Fächern Informatik, Elektrotechnik und Maschinenbau-Verfahrenstechnik hinterlassen.

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Quelle: Statistisches Bundesamt, Hochschulstatistik 2004 (Stand: 29.11.2004).

Nach einer Berechnung des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) benötigen ITK-Firmen und IT-Abteilungen in Unternehmen mittelfristig pro Jahr etwa 15.000 bis 17.000 Absolventen. Doch an den Hochschulen in Deutschland wird einfach zu wenig Nachwuchs ausgebildet. Vor allem die Erstsemesterzahlen in der Informatik sind seit längerem rückläufig: Nach einer absoluten Hochphase im Jahr 2000 ging die Zahl der informatikinteressierten Abiturienten bis 2004 um ein Viertel zurück.

Erschwerend kommt hinzu, dass gerade in der Informatik oder Elektrotechnik viele Studierende ihr Studienziel nicht erreichen: Jeder Zweite von ihnen bricht erfahrungsgemäß das Studium vorzeitig ab. Zu den Gründen für ein vorzeitiges Aufgeben zählen unter anderem die fehlende Identifikation mit dem Studium, falsche Vorstellungen vom gewählten Studiengang und der Hochschule an sich sowie ein zu hoher Schwierigkeitsgrad der Studieninhalte und Prüfungsanforderungen. Auch der Spagat zwischen Studium und Finanzierung des Lebensunterhaltes fordert seinen Tribut. (Quelle: TU Berlin 2003)

Das bedeutet, dass voraussichtlich nur die Hälfte der Studierenden das Ausbildungsziel überhaupt erreicht und dem IT-Markt in naher Zukunft zur Verfügung steht. Wie es sich mit den Absolventenzahlen tatsächlich verhält, zeigen aktuelle Ergebnisse des Statistischen Bundesamtes. Obwohl die Zahl der Hochschulabsolventen in der Informatik im Jahr 2004 um 36 Prozent gestiegen ist, kann ihre absolute Zahl den von BITKOM prognostizierten Bedarf von 15.000 bis 17.000 Fachleuten nicht decken.

 Studienfach

Absolventen 2003

Absolventen 2004

Veränderung in %

Informatik

7.990

10.856

+ 36,0

Elektrotechnik

6.956

7.427

+ 6,8

Maschinenbau/Verfahrenstechnik

12.331

13.118

+ 6,4

Quelle: Statistisches Bundesamt, Hochschulabsolventen 2004 (Stand: 12.09.2005).

Der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) rechnet in seiner "VDE-Ingenieurstudie 2005" für dieses Jahr mit circa 8.000 Elektrotechnik-Absolventen. Bis zum Jahr 2008 werden 10.000 Absolventen jährlich erwartet, die aber den Fachkräftebedarf der Wirtschaft kaum decken könnten. In den nächsten Jahren werde die Nachfrage nach Ingenieuren der Elektro- und Informationstechnologie aufgrund des Innovationstempos und den sich wandelnden Anforderungsprofilen in der Branche weiter steigen. Bereits jetzt könnten 20 Prozent der VDE-Mitgliedsunternehmen ihre offenen Stellen nicht mehr qualifiziert besetzen, insbesondere in der Forschung und Entwicklung sowie im IT-Bereich der Firmen. Neue Arbeitsfelder, zum Beispiel in den Bereichen Automotive oder Medizintechnik, würden die Situation zudem verschärfen. Besonders betroffen vom Fachkräftemangel sei der Mittelstand.

Sowohl BITKOM als auch VDE gehen davon aus, dass bei weiterhin rückgängigen Studierendenzahlen in Zukunft verstärkt Forschungs- und Entwicklungskapazitäten ins Ausland verlagert werden müssten. Hier zeichnet sich eine zukünftige Abwanderung von Arbeitsprozessen nicht nur aus Kostengründen, sondern zunehmend aufgrund des Fachkräftemangels ab.

Deutschland im internationalen Vergleich

Im internationalen Vergleich stellt die VDE-Studie für Deutschland einen relativ geringen Studentenanteil in den Ingenieurstudiengängen insgesamt sowie einen vergleichsweise niedrigen Frauenanteil bei den Studierenden fest. Traditionell sind Frauen in den technisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen unterrepräsentiert. Im Wintersemester 2004/2005 lag ihr Anteil in der Fächergruppe Mathematik-Naturwissenschaften bei 36%, in den Ingenieurwissenschaften bei 21%. In den Studienfächern Informatik und Elektrotechnik stagniert er seit längerem bei 18% bzw. unter zehn Prozent.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) stellt in seinem Bericht "Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 2005" fest, dass der Anteil Hochqualifizierter mit Studium oder Promotion in Deutschland im internationalen Vergleich mit 22% bis 23% recht niedrig ausfällt. Dagegen ist der Anteil mittlerer Qualifikationen (qualifizierter Schul- oder Berufsabschluss) in der Bundesrepublik mit 60% besonders hoch. In anderen westlichen Ländern ist dagegen ein Trend zur Höherqualifizierung zu verzeichnen sowie der Bildungsstand junger Menschen meist höher als bei der älteren Generation (z.B. in Japan oder Spanien).

Der Bildungsvorsprung, den Deutschland gegenüber vielen anderen Ländern zu Beginn der 90er Jahre noch hatte, wird somit stetig kleiner. Als problematisch erweist sich hierbei auch die geringe Studierneigung deutscher Schülerinnen und Schüler: Obwohl es im Schuljahrgang 2003/2004 erstmals seit 1995 wieder mehr Abiturienten gab, ging im Jahr 2004 (Sommersemester 2004 plus Wintersemester 2004/05) die Zahl der Erstsemester mit 356.000 um sechs Prozent zurück. Und gerade die Motivation für ein mathematisch-naturwissenschaftliches oder technisches Studium ist bei deutschen Schulabgängern nicht gerade groß. So belegt seit längerem nur eine Minderheit der Oberstufenschüler Leistungskurse in Fächern wie Mathematik oder Physik, die wiederum die spätere Entscheidung für einen Studiengang wie Informatik stark beeinflussen.

Auch bei den Absolventenzahlen in den Natur- oder Ingenieurwissenschaften kann die Bundesrepublik im internationalen Vergleich nicht mithalten. Gemäß BMBF erwerben in Deutschland jährlich rund 7 von 1.000 jungen Menschen einen natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Abschluss. Nur in Italien und den Niederlanden sind die Absolventenquoten noch niedriger. In allen anderen hoch entwickelten Volkswirtschaften liegen die Abschlusszahlen signifikant höher oder stiegen sogar an. Zu den absoluten Spitzenreitern gehören Finnland mit 18 und Großbritannien mit 17 von 1.000 Absolventen.

Gründe für den Fachkräftemangel

Bislang blieb die noch relativ junge ITK-Branche von Pensionierungen verschont. Doch die ersten Ruhestandswellen rollen. Laut BMBF-Bericht gehen in den kommenden Jahren viele hochqualifizierte Experten in den Ruhestand. Engpässe erwartet das BMBF vor allem bei den Ingenieuren, bei denen der Anteil älterer Beschäftigter (57 bis 64-Jährige) mit 10% besonders hoch ist.

Auch die Altersverteilung der bei GULP registrieren IT-Freiberufler spricht eine deutliche Sprache: Bereits jetzt ist jeder Zweite älter als 40 Jahre.

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Quelle: Stundensatzauswertung, August 2005.

In den nächsten zehn Jahren werden rund 14 Prozent der Freiberufler älter als 60 Jahre sein und sich damit langsam aus dem Erwerbsleben verabschieden. In 20 Jahren wird die Entwicklung noch weitaus dramatischer sein, denn bis dahin erreicht ungefähr die Hälfte der heute zur Verfügung stehenden IT-Experten das Rentenalter. Fraglich, wie die dadurch entstehenden Lücken angesichts des seit Jahrzehnten anhaltenden Geburtenrückgangs geschlossen werden sollen.

Auf kurze Sicht gesehen ist die sich abzeichnende Entwicklung für IT-Spezialisten sicher ein Grund zum Jubeln. Bedeutet das verknappte Angebot an Fachkräften doch mehr Aufträge und letztendlich auch mehr Geld für die greifbaren Spezialisten. Allerdings werden die Projektanbieter nach Alternativen suchen, die sie vornehmlich im Ausland finden werden.

Langfristig behindert der Fachkräftemangel das Innovationspotenzial Deutschlands und somit den gesamten Technologiestandort.