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Innovationen – Klassenprimus Deutschland steigt ab

09.01.2020
Gerd Meyring – Freiberuflicher Autor
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Nirgendwo gedeihen Innovationen prächtiger als in Deutschland. Zum zweiten Mal in Folge kürt das Weltwirtschaftsforum im Oktober 2019 Deutschland zum innovativsten Land der Welt. 

Vor allem bei der Zahl der angemeldeten Patente und wissenschaftlichen Veröffentlichungen könne es niemand mit der Bundesrepublik aufnehmen. 

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und dem Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung erstellte BDI-Innovationsindikator. Danach belegt Deutschland unter den 35 innovationsstärksten Volkswirtschaften Rang vier nach Singapur, der Schweiz und Belgien.

Sechs Prozent mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung

Die Untersuchung lobt besonders die hiesige Hochschulforschung sowie die Forschungsausgaben deutscher Unternehmen. Sie gaben mit 54 Milliarden Euro 2018 gut sechs Prozent mehr für Forschung und Entwicklung (F&E) aus als im Vorjahr, so eine 
Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers. Weltweit investieren nur Amazon und Alphabet mehr in F&E als der deutsche Autobauer VW.

Deutschland verliert den Anschluss an die Weltspitze

Trotz dieses Kraftakts hat die Innovationsleistung der deutschen Unternehmen in den vergangenen Jahren nachgelassen, stellt der BDI in seinem Bericht fest. Im Teilranking für die Innovationsstärke der Unternehmen in einzelnen Ländern belegten deutsche Firmen 2012 noch Rang drei. Heute liegen sie abgeschlagen auf dem neunten Platz. 

Anders als Singapur, die Schweiz und Belgien ist auch die deutsche Volkswirtschaft insgesamt nicht innovativer geworden. Deutschland konnte seine Position im BDI-Ranking gerade einmal halten. Denn bei der Beschäftigung in wissensintensiven Dienstleistungen schneidet die Bundesrepublik im internationalen Vergleich schlecht ab, erklärt das ZEW
 

Bürokratie verhindert Innovationen

IT-Freelancer wissen um die Sprengkraft dieser Aussage. In einer Umfrage von GULP und dem Verband der Gründer und Selbstständigen in Deutschland (VGSD) waren acht von zehn Teilnehmern davon überzeugt, dass sich die deutsche Bürokratie sowie das Risiko, als scheinselbstständig eingestuft zu werden, negativ, wenn nicht verheerend auf die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen auswirken. 

Hier kommt kein Bauchgefühl zum Ausdruck: Jeder vierte Befragte hat bereits Aufträge verloren, weil Kunden Projekte und ganze Organisationseinheiten nach Osteuropa, Indien oder Abu Dhabi verlagert haben. Dort herrscht  bei der Beschäftigung von Freelancern mehr Rechtssicherheit. Von dieser Entwicklung „sind nicht nur IT-Projekte betroffen“, merkte zudem ein Umfrageteilnehmer an. Im Engineering-Bereich, etwa im Maschinenbau, der Medizin- oder Elektrotechnik sei der Schaden sogar noch größer.

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Rechtsunsicherheit vertreibt Deutschlands beste Köpfe

Jeder zweite Freelancer erwägt daher, seinen Wohnsitz ins Ausland zu verlagern. Damit hat sich die Zahl der IT-Experten und Ingenieure, die Deutschland verlassen wollen, seit der letzten Umfrage 2016 mehr als verdoppelt. Damals betrug der Anteil der auswanderungswilligen Experten 21 Prozent. 

Diese Zahlen müssen alarmieren! Denn Freelancer bringen bei Projekten schnell und flexibel tiefgehendes Know-how in die Unternehmen. Sie sind dadurch eine wichtige Stütze der Digitalisierung. „Ohne den projektbasierten Einsatz von hochqualifizierten selbständigen Experten wäre ein Großteil der Innovationsvorhaben in der deutschen Wirtschaft nicht effizient, flexibel und zeitgerecht möglich“, bestätigt Carlos Frischmuth, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes für selbständige Wissensarbeit

Deutschland hat schon jetzt zu wenig IT-Spezialisten

Schon deshalb nicht, weil es der Bundesrepublik, wie der BDI-Innovationsindikator kritisiert, nicht gelingt, ausländische Fachkräfte nach Deutschland zu holen. Zugleich ist der hierzulande verfügbare Pool an IT-Talenten mit einem Anteil von nur 2,8 Prozent an allen Beschäftigten extrem klein. Deutschland belegt damit unter den 36 Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gerade mal Platz 20. Spitzenreiter Finnland kann gemessen an der Gesamtzahl der Beschäftigten auf doppelt so viele IT-Profis zugreifen, so das Ergebnis einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte.

Fachkräftemangel vernichtet Wohlstand

Personaler wissen, wie sehr Fachkräfte fehlen. Sie konnten im vergangenen Jahr 124.000 Stellen nicht besetzen, meldet der IT-Branchenverband Bitkom. Damit blieben 51 Prozent mehr Positionen vakant als im Vorjahr. „Jede unbesetzte IT-Stelle kostet Umsatz, belastet die Innovationsfähigkeit der Unternehmen und bremst die nötige digitale Transformation”, so Bitkom-Präsident Achim Berg. „Der Mangel an IT-Experten bedroht die Wettbewerbsfähigkeit unserer gesamten Wirtschaft.“

„Deutschland droht im internationalen Standortwettbewerb um die Vorreiterrolle in Digitalisierung und Innovation zurückzufallen. Die Uhr tickt“, befürchtet auch  BDI-Präsident, Dieter Kempf. Im „Standortindex Digital“, mit dem das Bundeswirtschaftsministerium misst, wie leistungsfähig Deutschland bei der Digitalisierung ist, belegt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich schon jetzt nur noch den fünften Platz hinter den USA, Südkorea, Großbritannien und Finnland. Im Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft der Europäischen Union muss sie sich sogar mit einem beschämenden 14. Platz hinter Litauen, Malta und Österreich zufriedengeben.

Deutschland verschenkt Chancen der Digitalisierung

Doch Innovationsstärke und digitale Leistungsfähigkeit sind keine Prestigefrage. Sie sind Voraussetzung dafür, dass der Wohlstand in einem Land wächst. Digitale Innovationen steigern die Produktivität von Unternehmen. Nur wenn dies gelingt, wächst in alternden Gesellschaften die Wirtschaft. 

Noch steigt die Produktivität deutscher Unternehmen jedes Jahr um 0,7 Prozent. Zu Beginn des Jahrtausends wuchs sie allerdings noch mehr als doppelt so schnell. Deutschland gelingt es also nicht, die Chancen der Digitalisierung in Wachstum umzusetzen.

Agile Teams brauchen Freelancer

Zugleich werden Produktlebenszyklen immer kürzer, die Ansprüche von Kunden an Servicequalität und Individualität von Produkten dagegen immer größer. Unternehmen müssen somit immer schneller und häufiger Innovationen entwickeln und umsetzen. Große Forschungsabteilungen sind dazu zu schwerfällig – agile Teams nicht. Um die besetzen zu können, brauchen Unternehmen jedoch Experten, die sie flexibel einsetzen können. Wandern diese Freelancer aus, ist Deutschland bald nicht mehr das innovativste Land der Welt.

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