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Scheinselbstständigkeit im digitalen Wandel

Bundesregierung hängt noch in der “Alten Welt”

03.07.2019
Gerd Meyring – Freiberuflicher Autor
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Überall hört man derzeit vom Wandel der Arbeitswelt, von neuen Arbeitsformen und wie wichtig es ist, dass Deutschland in Sachen Innovationen mit dem Rest der Welt Schritt hält. Genauso einig ist man sich, dass Freelancer und Solo-Selbstständige eine unverzichtbare Stütze dafür sind. Doch blickt man auf die Arbeits- und Sozialgesetzgebung, zeigen sich viele Felder, in denen die Digitalisierung und der Wandel zur Wissensgesellschaft noch nicht angekommen zu sein scheinen. Das macht auch den freien Experten das Leben schwer. Geht es nach der großen Koalition, wird sich wohl so bald auch nichts daran ändern.

Rentenversicherung verdoppelt Zahl der Scheinselbstständigen

Freie IT-Spezialisten und selbstständige Ingenieure laufen zunehmend Gefahr, dass sie die Deutsche Rentenversicherung (DRV) im Zuge eines Statusfeststellungsverfahrens zu Scheinselbstständigen erklärt. Seit 2007 stieg die Zahl der abgeschlossenen Verfahren Angaben der Bundesregierung zufolge um über 35 Prozent auf fast 23.000 Fälle. Dabei hat sich der Anteil der Freelancer verdoppelt, denen die DRV abspricht, selbstständig zu sein. Die Prüfer untersuchen jedoch nicht die gesamte unternehmerische Tätigkeit eines Freelancers, sondern klären bei jedem Auftrag oder Projekt, ob es sich dabei um eine unternehmerische Tätigkeit oder Scheinselbstständigkeit handelt. 

Prüfkriterien aus der „Alten Welt“

Seit 2017 sind die Kriterien, nach denen die DRV eine potenzielle Scheinselbstständigkeit prüft, im Bürgerlichen Gesetzbuch festgelegt. Entwickelt wurden sie jedoch zu Zeiten, in denen es agile Methoden des Projektmanagements noch nicht gab. Werden freie Spezialisten in die engen Kommunikationsstrukturen agiler Projekte eingebunden oder müssen sie aus Datenschutz- oder der Sicherheitsgründen in Räumen und mit Hardware des Auftraggebers arbeiten, leiten die Prüfer oftmals ab, dass das betroffene Unternehmen Freelancer wie festangestellte Kräfte einsetzt und somit externe Mitarbeiter scheinselbstständig sind. 

Freien IT- und Engineering-Profis geht es an die Existenz

Um das Risiko zu vermeiden, in solchen Fällen Sozialversicherungsbeiträge in horrender Höhe nachzahlen zu müssen, lassen Auftraggeber Projekte zunehmend im Ausland erledigen. Jeder vierte Teilnehmer hat einer gemeinsamen Umfragen von VGSD und GULP zufolge deshalb bereits Aufträge verloren. Insgesamt wurden sechs von zehn Befragten aufgrund der unklaren Rechtslage bereits Aufträge gekündigt. Davon „sind nicht nur IT-Projekte betroffen“, merkt ein Freelancer an. Im Maschinenbau, der Medizin- oder Elektrotechnik sei der Schaden sogar noch größer. 
Jeder zweite der rund 100.000 selbstständigen IT-Experten ist deshalb bereit, seinen Kunden zu folgen und seinen Wohnsitz ins Ausland zu verlegen. 

Bundesregierung steckt den Kopf in den Sand

Die Bundesregierung kennt diese Entwicklung. Im Sommer 2018 schrieben 14 deutsche Konzerne einen Brief an den Staatsminister im Bundeskanzleramt Helge Braun (CDU), an die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär (CSU) sowie an den Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Darin wiesen sie diese auf die Missstände hin. 
Kurz darauf griffen Bundestagsabgeordnete der FDP das Thema in einer kleinen parlamentarischen Anfrage auf. Ernst genommen hat die Große Koalition das Problem deshalb jedoch nicht. 

In ihrer Antwort auf die Anfrage der FDP stellte sie zudem im Januar fest, es lägen ihr keine Daten zur Abwanderung von Know-how und zur Verlagerung von IT-Projekten ins Ausland aufgrund der unklaren Rechtslage vor. 
Zahlreiche weitere Ausführungen hinterlassen den Eindruck, dass die Bundesregierung auch den Arbeitsalltag, die Einkommensverhältnisse sowie die soziale Absicherung freier IT- und Engineering-Profis nicht kennt. So erklärt sie, agile Projektmanagement-Methoden wirkten sich nicht auf die sozialversicherungsrechtliche Beurteilung aus. Trotz umfangreicher Schulungen der Prüfer bei der DRV, wurden sie nicht zu agilen Methoden wie Scrum geschult.

Inkonsistente Argumentation der Bundesregierung

Obwohl die Bundesregierung außerdem zugibt, nicht zu wissen, wie viele Freelancer in prekären Verhältnissen leben und arbeiten, stellt sie pauschal fest, dass Solo-Selbstständige erheblich niedrigere Einkommen und weniger Vermögen haben als festangestellte Arbeitnehmer oder Unternehmer mit eigenen Mitarbeitern. Dass freie IT-Berater und selbstständige Ingenieure im Schnitt 4700 Euro netto verdienen und laut einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) 97 Prozent von ihnen für das Alter vorgesorgt haben, ignoriert die Bundesregierung. An anderer Stelle erkennt sie jedoch an, dass es unter Solo-Selbstständigen erhebliche Einkommensunterschiede gibt. 

Das ist für die Koalitionäre allerdings kein Grund, das Arbeits- und Sozialrecht an die Erfordernisse von freien Wissensarbeitern in unterschiedlichen Berufsgruppen oder Branchen anzupassen. „Verweise auf durchschnittlich von bestimmten Berufsgruppen erzielte Nettoeinkommen können – gerade vor dem Hintergrund der breiten Streuung der Einkommensverhältnisse Solo-Selbstständiger – nicht Grundlage für die grundsätzliche Ausgestaltung  angemessener Maßnahmenpakete sein“, erklärt die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die Anfrage der FDP. 

Damit steht sie im Widerspruch zu einem Urteil des Bundessozialgerichts vom 31. März 2017. Darin führten die Richter aus: „Liegt das vereinbarte Honorar deutlich über dem Arbeitsentgelt eines vergleichbar eingesetzten sozialversicherungsrechtlich Beschäftigten ... ist dies ein gewichtiges Indiz für selbstständige Tätigkeit.“ 

Wandel zur Wissensgesellschaft überfordert deutsche Politiker

Weshalb die Bundesregierung die Sorgen freier IT-Profis und Ingenieure nicht ernst nimmt, ist unklar. Mag sein, dass die SPD dazu ihre Überzeugung aufgeben müsste, dass es sich bei Solo-Selbstständigen um ein ausgebeutetes Prekariat handelt, das dringend ihrer Fürsorge bedarf. Denkbar wäre auch, dass es der Koalition gelegen kommt, mit den Nachzahlungen der Freelancer und ihrer Auftraggeber an die DRV die Löcher in der Rentenkasse zu füllen. Möglich wäre allerdings auch, dass der Wandel der deutschen Gesellschaft und Arbeitswelt hin zur Wissensgesellschaft deutsche Politiker „komplett überfordert“, wie ein Teilnehmer der GULP-Umfrage feststellt. „Das Ökosystem um die Politik herum ist auf eine Industriegesellschaft fokussiert“, so der Freelancer. 
So sehen das auch 44 Prozent der Deutschen, die Vodafone für die Studie „The Tech Divide“ befragt hat. Sie glauben, dass das Kabinett Merkel die Digitalisierung nicht entschlossen genug angeht; 37 Prozent der Befragten sprechen den Ministern und Staatssekretären zudem die dazu erforderliche Kompetenz ab.

Forderung nach Positivkriterien von Seiten der Parteien und Interessensverbänden

Die Liberalen sind die einzige Partei, die anerkennt, dass das Grundrecht auf freie Berufswahl auch die Entscheidung für eine Solo-Selbstständigkeit schützt. Sie fordern außerdem, dass die DRV bei Statusfeststellungsverfahren Positivkriterien anwendet. Eine Meinung, die auch der Bundesverband für selbstständige Wissensarbeit (ADESW) und der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) teilen. Erfüllt ein Erwerbstätiger diese Kriterien, gilt dies als Beleg dafür, dass er selbstständig ist. Bislang achten Prüfer darauf, dass bei einem Beschäftigungsverhältnis bestimmte Merkmale abhängiger Arbeit nicht vorliegen. Das lässt Freiraum für Interpretationen. Neun von zehn Freelancern wünschen sich daher genauso wie die FDP Positivkriterien, ergab die IfD-Studie

Als Anwalt der Freiberufler in Kreativ- und Medienberufen fordern auch die Grünen, das Arbeits- und Sozialrecht so flexibel zu gestalten, wie es der Arbeitsalltag in der Wissensgesellschaft erfordert.

SPD-Wirtschaftsforum schwenkt auf Linie der Grünen und der FDP ein

Hoffnung kam Anfang April auch vom Wirtschaftsforum der SPD – einem der Partei nicht angehörenden, aber nahestehenden Berufsverband. Auch dieser fordert dass die DRV bei Statusfeststellungsverfahren Positivkriterien anlegt und berücksichtigt, wie sich agile Methoden auf die Tätigkeit selbstständiger Experten im Rahmen von Projekten auswirken. 
Wenn das SPD-geführte Bundesministerium für Arbeit und Soziales diesen Rat aus den eigenen Reihen jedoch ebenso wenig wahrhaben will, wie die Kritik der Opposition, ändert sich für für Freelancer und ihre Kunden noch lange nichts. 

Lesermeinungen zum Artikel

4,4 von 5 Sternen | Insgesamt 8 Bewertungen und 9 Kommentare

  • Ich bin dann mal weg

    MikeA am 13.07.2019 um 18.12 Uhr

    Menschen die noch nie in ihrem Leben einer Beschäftigung ausserhalb des Parteiapparats nachgegangen sind, wollen denen die arbeiten vorschreiben wie die dies zu tun habe. Uns da nach Gutsherrenmanier. Wer jahrelang freischaffend ist wird spontan zu Gewerbe umfirmiert, wer jahrelang selbständig ist wird spontan zum Scheinselbstständigen. Und alles zu eurem Besten! Politiker die einen Bofrost Fahrer nicht von einem SAP Projektleiter unterscheiden können, stellen die Weichen für die digitale Gesellschaft in Deutschland. Das ist Deutschland nach der Wende. Ich selbst bin, auch deswegen, seit 2012 weg aus Deutschland und freue mich jeden Tag wie einfach Dinge sein können in einem Land in dem die Förderung der Wirtschaft noch einen Stellenwert hat.

  • mehr Schein(selbständigkeits)argumente

    Peter am 12.07.2019 um 16.32 Uhr

    Ich kann voraus schicken, daß ich "Hendrik's" Ausführungen zustimmen muß.
    Aus der, zunehmend nervtötenden, Debatte um die Scheinselbständigkeit höre ich den Tenor heraus, daß sich eine klare Rechtslage bzw. Rechtssicherheit erst einstellen wird, wenn Scheinselbständigkeit nicht mehr als solche betrachtet wird.
    Die Betrachtung des Projektmarkts läßt daran zweifeln, daß immer ernsthaft Selbständige gesucht werden, nicht viel mehr "gehobene" Zeitarbeiter (die dann vordergründig teuer sein dürfen) ohne Pflichten für Arbeitgeber. Von der Mehrzahl der Projektausschreibungen bis zu den Formularen zur Arbeitszeiterfassung: hier wird ziemlich unverhohlen eine nicht-selbständige Beschäftigung beschrieben, werden mindestens Arbeits-ort und -zeiten vorgegeben.
    Zugegeben, diese Art der Organisation kann auch für "Freelancer" sehr sehr bequem sein, zumindest bei der Abrechnung. (Obwohl ich persönlich - also nicht repräsentativ - lieber wirklich selbständig arbeiten würde, solange ich nur genügend viele Monate vorfinanzieren kann ;)
    Ist hier eine Änderung in Richtung "Augenhöhe" zu erwarten? Eher nicht... (Daß seit 04/2017 Vermittlungsfirmen vermehrt zu formaler Arbeitnehmerüberlassung übergehen, unterstreicht diesen Eindruck)
    Personalfirmen vermitteln naturgemäß Personal, entsprechend mit dem einfach umzusetzenden Geschäftsmodell, in dem die Arbeitszeit der "Freelancer" verkauft wird. Und kommen damit mutmaßlich auch den Wünschen der Endkunden nach.
    Die "Selbständigkeit" wirkt sich so erst aus, wenn etwas schief geht (was glücklicherweise wohl nicht oft vorkommt) und die unternehmerischen Risiken durchschlagen (umsatzunabhängige Kosten, erweiterte Haftung, Einklagen von Honoraren - am Ende der Gläubigerschlange, usw.).
    Was würden andere Freiberufler (z.B. Arzt, Anwalt) oder auch selbständige Handwerker zu dieser Konstellation sagen?
    Lustig zu lesen ist, wie ein Kommentator sich beschwert, daß die RV nun (übrigens schon seit mehr als einem Jahrzent), statt einen diffusen Unternehmerstatus, sachgerecht den einzelnen Vertrag untersucht, was dem Einzelunternehmer mit begrenzten Resourcen eher gerecht wird. (Das die RV zu oft über das Ziel hinaus schießt, ist ein eigenes Kapitel...)
    ---
    By the way: das Urteil des BSG ist falsch zitiert, es heißt dort "...Honorar deutlich über..." (in der Urteilsbegründung übrigens nur ein einzelnes nichtprominentes Indiz).

    Antwort von der GULP Redaktion

    Hallo Peter,
    vielen Dank für den Hinweis, wir haben das Zitat korrigiert.

    Mit freundlichen Grüßen
    Monika Riedl

  • 30 Jahre Diskussion über ein sinnloses Konzept der Politiker (CDU/FDP)

    Volker Rudolph am 12.07.2019 um 09.45 Uhr

    Ich finde diese ganzen Diskussionen über den Rentenbeitrag, den Kühlschrank und andere Kriterien, wie Arbeitsplatzsicherheit, Paketzusteller und andere Berufe komplett unangebracht, wenn es um die IT Branche geht.

    Als Berater hat man sich über Jahrzehnte einen Beruf erarbeitet, den es so bei Festangestellten nicht gibt. Desweiteren ist die Industrie dringend auf diesen Beruf des freien IT Beraters angewiesen. Würden die Bürden des Staates wegfallen und die Personalberatung besser sein (nein ANÜ und freie IT Beratung ist nicht das gleiche), dann wären die Stundensätze mindestens 50% höher und wesentlich stärker an die Berufserfahrung des "freien" IT Beraters angepasst.

    Grundsätzlich werden die Kräfte des freien Marktes ausgehebelt durch Über- Regulation. Grund des Übels ist, dass es (was durch die CDU/FDP abgeschafft wurde) nach der Wiedervereinigung keine https://de.wikipedia.org/wiki/Berufsst%C3%A4ndische_Versorgung mehr für Ingenieure gibt, in die der Ingenieur (oder eben IT Fachkraft) freiwillig einzahlen kann "ohne", dass das Beschäftigungsverhältnis eine Rolle spielt. Somit ist die ganze Diskussion einerseits darin begründet, dass es falsche Marktanreize gibt und andererseits damit begründet, dass das System der DRV nicht konkurrenzfähig sein muss, sondern eine Zwangsversicherung ist (Steuer). Die übriggebliebenen ständischen Versorgungen (Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater) zahlen doppelt so hohe Renten wie die DRV (im Vergleich zum eingezahlten Geld). Fazit: Die DRV nimmt einem den Beruf (Scheinselbstständigkeit) und damit das Einkommen, den Spaß an der Arbeit (wer schon mal als Festangestellter arbeiten musste und den Vergleich kennt, weiß wovon ich spreche!) und stürzt einen dann noch in die Altersarmut.

  • Fürsorgepflicht?

    Joachim am 05.07.2019 um 15.39 Uhr

    Eine Fürsorgepflicht des Staates gegenüber einem Freelancer würde sich ja nur ergeben, wenn er ausgenutzt würde und in die Freiberuflichkeit gezwungen würde. Zumindest wenn ich der Argumentation der SPD folge. Sehe ich mir andere Branchen wie z.B. Paketzusteller, Schlachter und sonstige Niedriglohnsektoren an wird betrogen, gelogen und Gesetze gebrochen was das Zeug hält. Hier geht man nicht dagegen vor, gibt es da vielleicht eine bessere Lobby?
    Vergleicht mal das was in der IT Branche als Selbständiger selbst im unteren Honorar Bereich verdient wird mit dem was ein festangestellter Handwerker bekommt, da müsste man eher den schützen.
    Unabhängig von der Tatsache was ein IT-Freelancer (und nur davon rede ich!) verdient, ich bin der festen Überzeugung dass er selbständig ist weil er es will und nicht weil er in die Freiberuflichkeit gezwungen wurde. Wie überall gibt es auch hier große Differenzen beim Verdienst, aber wer für niedriges Honorar arbeiten geht, würde als Festangestellter auch nicht mehr verdienen. Und wenn es so wäre, könnte man sich ja immer noch anstellen lassen, aber freiwillig und nicht indirekt gezwungen von der DRK. Zudem jammern die Arbeitgeber ja über Fachkräftemangel also sollte das kein Problem sein, oder?
    Ich finde nicht der IT-Freelancer ist das Problem (wie oben angemerkt), sondern die Argumentation der Rentenversicherung und der Politik. Früher (2003) gab es die Möglichkeit einmal den Status feststellen zu lassen und damit war's gut. Irgendwann in jüngerer Vergangenheit hat man dann mit den unleidigen Prüfungen angefangen und für vollkommene Rechtsunsicherheit gesorgt. Mir muss mal jemand erklären aus welchen Gründen das der Fall war, aber sicherlich nicht aus Fürsorgegründen, zumindest nicht in der IT.

  • Mit Scheinargumenten gewinnt man nicht gegen die Scheinselbstständigkeit.

    Hendrik am 05.07.2019 um 09.52 Uhr

    Ja, wird haben mit der Scheinselbstständigkeit ein Problem. Diese mit Scheinargumenten zu bekämpfen führt aber zu nichts. Wir könnten problemlos handeln, aber hier sind nicht die Rentenversicherung und auch nicht die Politik gefragt, sondern vor allem die Auftraggeber und auch die IT-Freelancer selbst. Freelancer, werdet endlich Unternehmer und präsentiert euch auch als solche. Und Auftraggeber, arbeitet endlich mit Freelancern auf Augenhöhe zusammen anstatt diese als (zugegebenermaßen teure) Zeitarbeiter zu betrachten.

    Wenn man sich einen externen Profi ins Haus holt, dann hoffentlich, weil man dessen Expertise benötigt. Dann sollte man aber auch tunlichst auf Augenhöhe interagieren und nicht zu tun, als wäre ein Freelancer Teil des eigenen Teams. Wenn selbiges zu schwach besetzt ist, dann stellt gefälligst mehr Leute ein (und wenn ihr die nicht bekommt - denkt mal scharf nach woran das liegen könnte)! Wenn ihr Dinge auszulagern habt, dann gebt diese als Aufträge nach Außen an IT-Unternehmer weiter anstatt darauf zu pochen die Sachen In-House erledigen zu müssen. Anders agiert ihr schließlich gegenüber euren Kunden auch nicht.

    Agilität, Sicherheit, Datenschutz - all das sind nur Scheinargumente. Agile Kommunikation kann selbstverständlich heute auch über Büro- und Gebäudegrenzen hinweg erfolgen, Datenschutz ist etwas, wo man sich technisch wie vertraglich perfekt absichern kann und Sicherheit - ist leider auch für viele Auftraggeber immer noch kein Thema, obwohl es so oft doch so einfach wäre.

    Wenn du als Freelancer viele Monate (Vollzeit womöglich noch) zusammen mit Angestellten bei exklusiv einem Kunden vor Ort sitzt, dann bist du nicht selbstständig. Dann bist du faktisch auf Zeit angestellt. Und dann ist das Handeln der staatlichen Organe auch völlig korrekt. Denn das ist eine Methodik, die weder sozial noch solidarisch noch wirtschaftlich nachhaltig ist.

  • Man kommt in prekäre Verhältnisse rein wegen des Staates!

    Erhard Neuland am 05.07.2019 um 09.25 Uhr

    Obwohl die allgemeine Lage am Projektmarkt gut ist, habe ich als Freiberufler seit 2017 große Hindernisse bei der Projektakquise erlebt, auch dadurch erhebliche Umsatzeinbußen. Man hat Familie, möchte ein Familienhaus kaufen, hat Geld, etc. alles ok. Aber aus der Distanz betrachtet betreibt man aufgrund der politischen und administrativen Probleme ein echtes Hochrisikospiel mit dem eigenen Leben! Was, wenn ich ein Haus finanziere und in 6 Monaten plötzlich gar keine Projekte mehr bekomme. Wenn ich einfach angestellt werden will, kann es sein dass die Bank Probleme macht weil man dann in der probezeit ist, wo man als Selbstständiger vorher eine jahrelange positive Historie vorzuweisen hatte.

    Ungeachtet all dessen: Ich glaube dass dieser Staat mit dem bisschen Offenheit nicht umgehen kann und will, dass Selbstständige mit sich bringen ins "System". Dieses Land bedingt eine starre Einordnung in Verhältnisse.

    Ich bleibe Selbstständig bis zum letzten Mann! Im Notfall gehe ich temporär angestellt arbeiten NUR IN DER SCHWEIZ! Nicht in D-Land!

  • Ein Grund zum Auswandern

    Hanson am 05.07.2019 um 07.46 Uhr

    Die - in meinen Augen bewusst herbeigeführte - rechtliche Unsicherheit dient lediglich dazu, möglichst viele Menschen in ein abhängiges Arbeitsverhältnis zu drängen. Dieses wiederum dient der besseren Kontrollmöglichkeiten über das Einkommen und der leichteren Abschöpfung von Abgaben und Beiträgen zur Finanzierung des riesigen Verwaltungswasserkopfes.

    Ingesamt war diese Situation für mich ein weiterer Grund Deutschland zu verlassen und in Estland einen Neuanfang zu wagen.

    Meine Steuerlast hat sich seither halbiert und mein Aufwand für Bürokratie, Steuern und Verwaltung ist kaum noch messbar im Vergleich zur vorherigen Situation in Deutschland.

    Ich kann jedem nur raten, sich dieser Gängelei nicht länger als nötig auszusetzen.

  • Das ist an sich nichts Neues

    Andreas Juraschek am 05.07.2019 um 07.28 Uhr

    Der Artikel ist zwar richtig, aber die Essenz ist nicht neu. Schon seit längerem fordert der Bundesverband der Selbständigen in der IT eine Änderung der Gesetze.

  • Lobby oder nicht

    smoothmaster am 05.07.2019 um 06.44 Uhr

    Die Frage sollte eigenltich sein, wer profitiert den aus der Situation. Die Behauptung mit dem Loch der Rentenversicherung ist mir zu flach. Aus diversen Gespärchen bekomme ich mit, dass bekannte Consulting Firmen sich wesentlich mehr die Hände reiben und der Spannungsbogen ist hier relativ gering, denn dies sind die gleichen welche als Berater in den entsprechenden Behörden eingesetzt werden. So tut halt jeder was er kann um den Inhalt seines Kühlschranks zu sichern. Seit der Agenda 2010 haben wir den Ausbau von Leiharbeit um die Niedriglohnsektor zu verbreiten und Human Resources Arbeitgebergerecht bereitzustellen. Zwischenzeitlich hat das Thema internationalen Rahmen erreicht, also einfach mal so ins Ausland. Davon würde ich abraten. In Kalifornien gibt es auch entsprechende Tendenzen. Einfache Lösungen sind in diesem Land nicht möglich, zum Beispiel ab 50,-- € Stundenlohn sprechen wir nicht mehr über das Thema. Komplexe brauchen zu lange. Wie ein Wal liegen wir auf dem Strand und wundern uns warum wir nicht weiter kommen. Wir sind in den Führungsetagen zu Fett geworden, reden über Boni und nicht über Inovationen. Finden wir wirklich über das Klagen zur Situation zu einer Lösung. Ich glaube nicht. Es ist eher die Frage in wie weit Gulp und andere hier gemeinsam sich bewusst sind, dass es deren Geschäftsmodell ist und wie dies gesichert werden kann. Arbeitnehmerüberlassung? Gerne dann sprechen wir aber in Zukunft nicht mehr unter Tagessätzen von 2.000,-- €. Liebe Gulpies prüft doch mal wie viel Prozent Eurer Consultants dies erreichen. Eine Initiative? Na ja das wird am Einzelinteresse scheitern. Denn der eigene Kühlschrank ist ja immer näher und viele können einem finanziellen Druck nicht lange stand halten. Was normal ist und bei Angestellten auch nicht anders. Denn wenn der alleinverdienende Famlienernährer (in) (es) arbeitslos wird ist es ganz schnell vorbei mit der Hypothekenrate. Das soziale Netz habe bekanntlich große Maschen. Somit ist die Frage nach der Altersvorsorge wohl auch fraglich. Die Lösung? Wir müssen uns eingestehen, dass wir hier schwach sind. Die Situation ist populär geworden, da die reine Anzahl Begehrlichkeiten weckt. Agile oder nicht ist nicht der Treiber für den Bedarf, Situation. Ich glaube wir müssen uns eingestehen, dass es im IT-Consulting auch Niedriglöhner gibt und diese nicht zu wenige sind. Eine Frage würde ich aber im Rahmen der ganzen Diskussionen gerne stellen, wie verhält sich das mit den Franchise Modellen? Wo ist die Unternehmerische Freiheit wenn ich gezwungen werden über einen Weg einzukaufen, wie ich mein Ladengeschäft aufbauen soll und …. Aber dieser Frage wollen wir uns aufgrund der Tragweite nicht stellen, denn wenn dann sozialisieren und auch hier mal die Prüfung durchführen. So nur so mal zum freudigen Diskutieren.

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