Unternehmensgröße, Rolle, Geschlecht – was hat welchen Einfluss auf Verdienst von Freelancern und Festangestellten?
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Unternehmensgröße, Rolle, Geschlecht – was hat welchen Einfluss auf den Verdienst?

Ergebnisse der GULP Arbeitsleben Studie 2021

28.04.2022
Florian Schießl – Freiberuflicher Autor
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Je größer das Unternehmen, desto größer die Scheine. Männer verdienen mehr als Frauen. Berater bekommen mehr als Fachexperten. Ist die Verdienstwelt in Deutschland so einfach erklärt? Nein, denn alle drei Aussagen sind so nicht bzw. nicht vollkommen richtig! Oftmals kommt es zum Beispiel darauf an, ob man von freien Expert:innen oder von Festangestellten spricht.

Über die GULP Arbeitsleben Studie

Seit 2013 liefern GULP Studien einen Überblick über Stundensätze, Projekte und Auslastung von freien Mitarbeitenden der IT- und Engineering-Branche. An der aktuellen Arbeitsleben Studie nahmen im Zeitraum von Juni 2021 bis Januar 2022 insgesamt 781 Unternehmer:innen sowie freie und festangestellte Mitarbeitende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teil. Sie gaben Auskunft über Überstunden und Verdienst, Arbeitsleben, Zufriedenheit, Anforderungen an Unternehmen und Expert:innen sowie Trends.

 

Zu allen Ergebnissen

Verdienst: Größere Unternehmen, größere Scheine?

Je größer das Unternehmen, desto höher der Verdienst – eine unzuverlässige Bauernregel oder steckt da bei Arbeitnehmer:innen und Freelancer:innen in Deutschland tatsächlich etwas dahinter? Blicken wir auf die Fakten, die uns die Befragten mit ihren Antworten zur Verfügung gestellt haben.

2021 war der durchschnittliche All-inclusive-Stundensatz (inklusive Reisekosten, Spesen etc.) bei den freien Expert:innen in Deutschland bei 98,37 Euro. In den Gruppen von 501 bis mehr als 5000 Beschäftigten gibt es dabei kaum Unterschiede: Ein durchschnittlicher Stundensatz von 98,41 Euro bei 501 bis 1000 Beschäftigten sowie von 99,92 Euro, sowohl bei 1001 bis 5000 als auch bei mehr als 5.000 Beschäftigen. Am wenigsten überraschend ist, dass der geringste durchschnittliche Stundensatz bei den kleinsten Unternehmen zu finden ist: Kleine Unternehmen (bis zu 10 Beschäftigte weltweit) bezahlten mit im Schnitt nur 80,43 Euro mit am Abstand am wenigsten.

Zwei Zahlen waren so nicht erwartbar: Den größten Verdienst gab es bei Einsätzen in Unternehmen mit 11 und 100 Beschäftigten weltweit (102,32 Euro). Und direkt in der nächst größeren Gruppe (101 bis 500 Beschäftigte) gibt es in der Grafik eine große Verdienstdelle (92,08 Euro). Ergo scheint es keinen linearen Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und Stundensatz sprechen.

Säulendiagramm: Den größten Stundensatz können Freelancer in Unternehmen mit 11 bis 100 Beschäftigten realisieren

Auch bei den festangestellten Umfrageteilnehmer:innen ist die Aussage “je größer, desto mehr Verdienst” für 2021 nicht zutreffend. 2021 gibt es bei mittelgroßen Unternehmen eine Verdienstdelle: Bei den Gruppen mit den wenigsten Mitarbeiter:innen standen um die 54.000 Euro jährlich brutto auf dem Gehaltszettel und am oberen Ende der Skala bei 1000 und mehr Beschäftigten zwischen knapp 55.000 und knapp 60.000 Euro. Dagegen erhielten die Gruppen in der Mitte mit 101-500 Beschäftigte weltweit (48.461,80 Euro) und 501 bis 1000 Beschäftigten weltweit (45.260,53 Euro) deutlich weniger Jahresgehalt.

Säulendiagramm: In Unternehmen mit mehr als 5.000 Beschäftigten können Festangestellte das höchste Brutto-Jahresgehalt verdienen

Jahresgehalt von Festangestellten: Der große Corona-Schock?

2019 war die Verdienstsituation von Festangestellten laut der Vorgänger-Studie in Deutschland noch recht komfortabel. Der große Schock kommt aber beim Vergleich der Balken von 2019 und 2021: 52.081,23 Euro Brutto-Jahresgehalt in 2021 sind fast ein Drittel weniger (23,1 Prozent) als 2019 (73.500,49 Euro)!

Eine Erklärung für dieses Phänomen könnte darin liegen, dass das Teilnehmerfeld ein anderes ist als noch vor zwei Jahren: Damals war die Umfrage auf IT- und Engineering Mitarbeiter:innen beschränkt, im letzten Jahr war sie für alle Branchen offen.

So bestand der Teilnehmerkreis 2019 noch zu rund 30 Prozent aus Vertreter:innen der IT- & Software-Branche, 2021 waren es nur noch 20 Prozent. Angestiegen ist dagegen zum Beispiel der Teilnehmer-Anteil aus Chemie, Pharma und Medizin.

Es kann jedoch nicht sicher gesagt werden, ob sich damit dieser große Unterschied komplett erklärt. Oder hinterlässt hier Corona deutliche Spuren? Sind die Gehälter wegen der Unsicherheit in den Märkten so drastisch gekürzt worden? So gibt es einige Hinweise, dass das Durchschnittsgehalt auch durch Kurzarbeit-Phasen, Pandemie-bedingten Kündigungen oder den Wegfall von Boni weiter negativ beeinflusst worden sein könnte.

In welchen Funktionen verdient man am besten?

Wie erwartet ist der Verdienst sowohl von Freiberufler:innen als auch von Festangestellten hierzulande in hohem Maße davon abhängig, welche Rolle man bekleidet. Bei den Freien ist der Unterschied merklich, verdienten doch die Bestbezahlten fast ein Drittel mehr (30,8 Prozent) als die nach Stundensatz schwächste Gruppe. Am besten verdient man, wenig überraschend, in der Projektleitung und Planung mit einem durchschnittlichen All-inclusive-Stundensatz von 110,21 Euro in 2021. Dahinter folgen mit jeweils großem Abstand die Berater:innen (103,92 Euro) und Fachexpert:innen (92,36 Euro). Das Schlusslicht bilden, mit der größten Differenz, die Gruppe “Projektassistenz / Administration” mit lediglich 76,33 Euro.

 

Balkendiagramm: Die höchsten Stundensatz können Freelancer als Projektleitung verlangen

Bei den festen Mitarbeitenden ist der Abstand zwischen den Bestverdienenden und jenen mit dem geringsten Brutto-Jahresverdienst mit 38,4 Prozent sogar noch etwas deutlicher. Die Reihenfolge und die Abstände im Verdienst sind aber andere: Während Projektleiter:innen mit 65.663,64 Euro, Fachexpert:innen mit 62.238,02 Euro und Berater:innen 59.298,57 Euro vergleichsweise eng zusammenliegen, folgen Projektassistenzen und in der Administration Tätige wieder mit einigem Abstand (40.428,33 Euro).

Balkendiagramm: Festangestellte verdienen in der Projektleitung am meisten

Wie wirkt sich das Geschlecht auf den Verdienst der Freelancer aus?

Beim durchschnittlichen Gehalt von freien Expertinnen in Deutschland muss man zweimal hinsehen. Aber tatsächlich: Die Frauen konnten mit 101,29 Euro einen etwas höheren durchschnittlichen Stundensatz in Rechnung stellen als die Männer (98,19 Euro). Nicht-binäre Menschen verdienten mit 88,60 Euro mit Abstand am wenigsten. Aber Vorsicht bei endgültigen Schlüssen: Mit lediglich 5 Antworten von Nicht-Binären und 34 von Frauen (zum Vergleich: 257 Männer) sind die Stichproben aus diesen beiden Teilnehmergruppen zu gering für wirklich verlässliche Aussagen.

Säulendiagramm: Stundensatz abhängig vom Geschlecht

Bei den Festangestellten ist die die Datenlage bei 66 Frauen zu 155 Männern jedoch durchaus verlässlich. Und schon haben wir das typische Bild: Frauen verdienten signifikant (14,6 Prozent) weniger als Männer. Nicht-Binäre erhielten interessanterweise mit Abstand am Meisten (62.305,00 Euro Jahresbrutto), die Stichprobe ist aber auch hier mit 5 Personen deutlich zu gering.

Balkendiagramm: Jahresgehalt abhängig vom Geschlecht

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