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Selbstvermarktung – Das eigene digitale Spielfeld definieren

Interview mit dem Online-Marketing-Experten Karl Kratz

19.01.2017
Karl Kratz (Interviewpartner) & Monika Riedl (GULP Redaktion)
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Auch wenn der Projektmarkt für IT-Freelancer boomt, geht nichts über eine gute Strategie zur Selbstvermarktung. Die Redaktion der GULP Knowledge Base sprach mit dem Online-Marketing-Experten Karl Kratz über Online-Präsenz, Spezialisierungsstrategien und Social Media.

 

GULP: Der Projektmarkt boomt, die Anzahl an IT-Freelancern auch. Aber wie können sich Freiberufler aus der großen Masse hervorheben?

Karl Kratz: Die grundsätzliche Strategie hierfür ist sehr einfach und ich bin erstaunt, wie selten so einfache Dinge angewandt werden: Eine wichtige Grundlage ist die Definition des eigenen (digitalen) Spielfelds – und dessen AbgrenzungAn dieser Stelle noch ein Hinweis: Viele Leser steigen bereits jetzt an dieser Stelle vielleicht aus – die ersten drei Sätze waren schon viel zu banal. Und ich mag zum Ausstieg durchaus ermutigen: Sie sollten diesen Text nicht lesen, wenn Sie ohnehin nicht vorhaben, etwas an Ihrer Positionierung zu verändern.

Es braucht nicht viele Fragen, um zumindest Ihr Spielfeld abzustecken:

  • In welchen Bereichen verfüge ich über eine exzellente Expertise?
  • Kann ich diese Bereiche dauerhaft intensiv dominieren?
  • Bin ich bereit, in diesen Bereichen auch öffentlichkeitswirksam zu kommunizieren, zum Beispiel auf der eigenen Webseite oder in den sozialen Netzwerken?

Und es braucht auch nur wenige Fragen, um Ihr Spielfeld abzugrenzen:

  • In welchen Bereichen besitze ich keine oder nur wenig Expertise, habe mich bisher aber nicht (aktiv) distanziert?
  • In welchem Bereich muss ich meinen Wettbewerbern schlicht und ergreifend das Feld überlassen?

Das Zusammenspiel aus Definition und Abgrenzung ist für die Positionierung sehr wichtig. Wer auf eine Abgrenzung verzichtet, läuft dauerhaft Gefahr, sich zu verzetteln oder seine Ressourcen nicht für die Intensivierung der eigentlichen Kernthemen zu verwenden. Ein hohes Maß an Konsequenz inklusive der „Fähigkeit des Loslassens“ hilft enorm.

Kleiner Merksatz am Rande: „Wer loslassen kann, hat sofort wieder beide Hände frei!“

Eine gute Methode für die Positionierung kann die Kombination aus zwei, drei inhaltlichen Schwerpunkten und einigen speziellen Branchen oder dauerhaften Problemstellungen sein. Es ist leichter, sich als „Microsoft SQL Experte für die Finanzbranche insbesondere in großen Netzwerken“ zu positionieren als nur für die eigentliche Produktspezialisierung („Microsoft SQL“).

Es kommt vor, dass sich IT-Spezialisten Sorgen machen, „dass ihnen durch so eine Einschränkung ja potentielle Interessenten durch die Lappen gehen könnten“. Wenn die Kombination aus inhaltlicher und branchen-/problemtechnischer Fokussierung gut gewählt ist, dann kann diese Sorge in der Praxis getrost ad acta gelegt werden. Neben den rein inhaltlichen Fähigkeiten ist es also wichtiger denn je, sein Spielfeld abzustecken und sein Angebot für eine bestimmte Bedarfsgruppe (nicht „Zielgruppe“, Lesetipp: https://r.online-marketing.net/6J ) zu positionieren.

 

GULP: Generalist oder Nische: Mit welcher Strategie kommen Ihrer Meinung nach Freiberufler (SEO-technisch) weiter?

Karl Kratz: Wenn ich mir Fachvorträge zum Thema "Persönlichkeitsentwicklung" anhöre, ist da gerne die Rede vom „T-Shaped Expert“: Ein breites Allgemeinwissen und in einer Disziplin extrem intensives Fachwissen.

Mir persönlich wäre das ein zu großes Risiko, insbesondere im Technologiebereich, der bekanntlich radikalen und schnellen Veränderungen ausgesetzt ist. Wenn, dann würden wir mindestens von einem „W-Shaped Expert“ sprechen, mit mindestens zwei Schwerpunktthemen. Die Frage „Generalist“ oder „Nische“ wird jeder für sich selbst beantworten müssen – es ist eine sehr persönliche Frage. Grundsätzlich kann ich nur dazu anregen, mehr in langfristiges Strategie- und Methoden-Wissen zu investieren als in konkretes, aber flüchtiges Technologie-Wissen.

Wenn ich heute zurückblicke, dann gab es tatsächlich eine Zeit, als ich mich in der Windows NT 4.0 Server Registry besser auskannte als in meiner Westentasche. Es gab kaum eine Frage, die ich nicht beantworten konnte. Heute, zwei Dekaden später, ist eine Sache geblieben: Die Fähigkeit zur Abstraktion und (Fehler-)Analyse. Ich hätte sicherlich eine deutlich extremere Lernkurve hinlegen können, wenn ich mich mehr um dauerhafte Methoden als um flüchtige Technologien gekümmert hätte.

Um den Bogen zur digitalen Positionierung in (Such-)Systemen zu bekommen: Wer in der Nische bleibt, sollte sein Angebot so abstrahieren, dass er die Nische schadlos auswechseln kann, wenn diese obsolet wird. Und wer Generalist sein möchte, sollte sein eigentliches Spielfeld und seine „Spezialisierungen innerhalb der Generalisierung“ dennoch so präzise halten, dass er sie glaubhaft und authentisch kommunizieren kann – selbst wenn sich Technologien ändern. Grundlage für die digitale Findbarkeit sollten in beiden Fällen Ereignisse und Probleme der Bedarfsgruppe sein.

 

GULP: Online präsent zu sein, ist mittlerweile ein Muss. Aber wie sieht das praktisch aus? Wo empfehlen Sie Freelancern, aktiv zu werden? Und wie sollten sie sich dort präsentieren?

Karl Kratz: Grundsätzlich empfehle ich IT-Freelancern, sich dort zu positionieren, wo Menschen entweder nach einem Ereignis suchen oder aufgrund eines konkreten Bedarfs eine Suche beginnen. Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass der größte Teil der Menschheit schlicht und ergreifend nicht weiß, „was er braucht“. Menschen sind bestenfalls in der Lage zu äußern: „Was ist mir gerade passiert?“ Oder „Was will ich machen?“ Dafür haben Menschen in der Regel die richtigen Worte. Alles andere kennen sie in der Regel noch nicht – schließlich ist alles für jeden beim ersten Mal neu.

GULP ist in der Tat ein guter Ort, um als IT-Freelancer primär aktiv zu werden. Wer noch tiefer gehen möchte, sollte sich auf XING engagieren – eventuell sogar mit der Gründung einer eigenen Gruppe. Abgesehen davon sollte die Auswahl von (Such-)Systemen grundsätzlich in Abhängigkeit der konkreten Bedarfsgruppe stattfinden – dafür gibt es keine Patentlösung, aber oft lässt sich das recht leicht erarbeiten.

Die Präsentation obliegt grundsätzlich ja den Einschränkungen durch das jeweilige System: Auf XING bin ich eingeschränkter als auf GULP, auf GULP bin ich eingeschränkter als mit meiner eigenen Website. Worauf allerdings bei allen (Such-)Systemen geachtet werden sollte: Die Verwendung der Begrifflichkeiten, die von den Suchenden benutzt werden. Wer die Terminologie der Menschen bei ihrer Suche nicht kennt oder nicht berücksichtigt, ist schlicht und ergreifend nicht findbar.

Ein Inhouse-IT-Administrator, der zum ersten Mal vor diesem kryptischen Microsoft-Exchange Fehler sitzt, wird eventuell noch nicht wissen, dass er demnächst einen Senior-Consultant braucht. Er sucht auch nicht nach einem zertifizierten Microsoft Exchange Server Consultant. Er sucht nach diesem Fehlercode. Es ist immer eine gute Idee, genau für die Begriffe gefunden zu werden, deren Lösung das eigene Angebot ist.

 

GULP: Was ist mit sozialen Netzwerken? Braucht jetzt jeder eine Facebook-Seite und Instagram?

Karl Kratz: Soziale Netzwerke haben einen schönen Vorteil: Wer es geschickt anstellt, kann über eine Positionierung in Facebook, XING, LinkedIn, Google+ & Co. schnell eine gute Reichweite und Reputation aufbauen.

Soziale Netzwerke haben allerdings auch einen kleinen Nachteil: Es sind fremdbestimmte Systeme. Wird ein solches System geschlossen oder einfach nicht mehr benutzt, sind sämtliche Investitionen in der Regel hinüber; das Netzwerk muss andernorts wieder aufgebaut werden. Das ist ein bisschen wie Positionierungen in Such-Systemen: Wer extrem viel Ressourcen aufwendet, um in Google gefunden zu werden, sollte sich dessen bewusst sein, dass es Google in dieser Form auch nicht mehr lange geben wird: Es wird genauso relevant sein wie Altavista, Yahoo, Fireball, Metager und AOL – weil es dann eben etwas Besseres gibt.

Grundsätzlich empfehle ich, sich in den sozialen Netzwerken zu bewegen, in denen die Bedarfsgruppe so einfach wie möglich identifiziert werden kann. Es ist oft eine gute Idee, parallel zu fremdbestimmten sozialen Netzwerken ein eigenes Netzwerk aufzubauen und kontinuierlich zu intensivieren.

 

GULP: Content ist auch immer King, heißt es. Muss jetzt jeder Freiberufler nebenberuflich zum Blogger werden?

Karl Kratz: Gott (für Atheisten: Spaghetti-Monster) bewahre, nein! Konventionelles Bloggen ist ein romantisches (Miss-)konzept und sorgt im geschäftlichen Umfeld bestenfalls für eine schleichende Vernichtung wertvoller Ressourcen. Wer sein (digitales) Spielfeld abgesteckt hat, sollte zu seinen definierten Themen jeweils intensive und wettbewerbsfähige digitale Assets erstellen und sich darüber hinaus um deren kontinuierliche Intensivierung kümmern. "Konventionelles Bloggen" sorgt in der Regel für ein Abdriften in die digitale Irrelevanz. Aber das ist ein anderes Thema …

 

 

Karl Kratz ist Online-Marketing-Experte und gibt sein Wissen rund um Online-Marketing-Strategien, digitale Findbarkeit, und bessere digitale Inhalte in Seminaren und auf seinem Blog weiter.

Lesermeinungen zum Artikel

4,8 von 5 Sternen | Insgesamt 21 Bewertungen und 1 Kommentar

  • Inspirierend, aber!

    Erwin Schleicher am 04.02.2017 um 21.24 Uhr

    Danke für das Interview, es hat mich sehr inspiriert und zum nachdenken angeregt. Aber - und da hakt es bei mir noch: Manchmal muss man eben auch all die kleinen Projekte und Mini-Aufträge annehmen um sich über Wasser halten zu können. Ich bin leider - noch? - nicht in der Position, Aufträge außerhalb meiner Positionierung einfach ablehnen zu können. Wer das kann, hat sicher vieles richtig gemacht, aber ich glaube nicht, dass das viele Menschen von sich behaupten können!

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