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Der VGSD e.V. - Politische Interessenvertretung und Service für Selbstständige

Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Andreas Lutz

30.01.2015
GULP Redaktion - Joachim Dreher
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Mitte 2012 wurde der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland ( VGSD) e.V. gegründet. Inzwischen zählt dieser 630 Vereins- und über 2.300 Community-Mitglieder. Von diesen sind besonders viele in den Bereichen IT, Software, Internet, Beratung sowie Marketing beheimatet. Wir sprachen mit dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Andreas Lutz (48) über Beweggründe, Ziele, Protagonisten, politische Lobbyarbeit und den Mehrwert einer Mitgliedschaft.

GULP: Wie kam es zur Gründung des VGSD?

Dr. Andreas Lutz: Entstanden ist der Verband aus der erfolgreichen Petition gegen die Rentenversicherungspflicht für Selbstständige. Das Gesetzesvorhaben konnte letztlich verhindert werden. Petent war der Hamburger IT-Unternehmer Tim Wessels. Zusammen mit mir und dem Leipziger Rechtsanwalt Frank Weigelt ist er heute im VGSD-Vorstand.

GULP: Was ist der Zweck eines solchen Verbandes?

Dr. Andreas Lutz: Der VGSD ist der einzige Verband, der gezielt die Interessen "kleiner" Selbstständiger vertritt. Also von Gründern, Einzelkämpfern und Kleinstunternehmen mit neun oder weniger Mitarbeitern, wobei der Typus des „einsamen Wolfes“ eher die Mehrheit darstellt. Sie haben in der Regel keine Zeit, sich in Kammern und Parteien für ihre Interessen zu engagieren. Folge daraus ist eine nicht enden wollende Serie Selbstständigen-feindlicher Gesetze. Mit dem VGSD wollen wir den "Kleinen" eine Stimme geben.

GULP: Was sind die Anliegen des VGSD und seiner Mitglieder?

Dr. Andreas Lutz: Der VGSD ist ein Verband zum Mitmachen. Unter http://feedback.vgsd.de kann jeder Interessierte das Ranking unserer Anliegen einsehen, darüber abstimmen oder eigene Punkte vorschlagen. Die Themen fallen dabei in drei Bereiche. Erschwingliche Sozialversicherung, Abbau von Bürokratie und Zwangsabgaben sowie bessere Gründungsförderung.

GULP: Welche Themen haben aktuell die höchste Priorität?

Dr. Andreas Lutz: Gerade gut verdienende IT-Experten und Berater sind heute häufig dem Verdacht der Scheinselbstständigkeit ausgesetzt. Das führt für sie zu zusätzlicher Bürokratie, erschwert ihre Akquise, kostet lukrative Aufträge. Wir wollen erreichen, dass hier wieder mehr Rechtssicherheit geschaffen wird. Im Bereich der Sozialversicherung werden freiwillig krankenversicherte Selbstständige gegenüber Angestellten massiv benachteiligt. Wichtig ist uns auch, dass von Politkern und Beamten bei neuen Gesetzen endlich deren Auswirkungen auch auf Kleinstunternehmen und Freiberufler bedacht werden. Wo immer diese als schädlich einzustufen sind, sollten die Regierungen oder Institutionen Ausnahmen, Übergangsregelungen und das Außerkraftsetzen von Vorschriften in Betracht ziehen. Insbesondere im Bereich der Informations- und Berichtspflichten. Zwar ist ein KMU-Test zur Identifizierung solcher Hemmnisse geplant. Dieser berücksichtigt jedoch nach bisheriger Planung eher größere Unternehmen. Dabei sind Einzel- und Kleinstunternehmen, relativ zu ihrem Zeitbudget, sehr viel stärker durch bürokratische Anforderungen belastet. Der KMU-Test wird seit Januar 2009 von der Europäischen Kommission bei der Gesetzgebung angewendet. Mit ihm soll überprüft werden, wie sich neue EU-Politiken und -Gesetze auf kleine Unternehmen auswirken.

GULP: Wie gestaltet sich die politische Einflussnahme?

Dr. Andreas Lutz: Wir veröffentlichen Stellungnahmen zu diesen Themen, initiieren und informieren über Petitionen, erstellen Wahlprüfsteine. Vor allem aber bringen wir die gemeinsamen Positionen und Anliegen in die Medien. Ziel ist, dass Politiker die Probleme der Selbstständigen verstehen und berücksichtigen. Außerdem unterstützen und professionalisieren wir Mitglieder, die sich selbst für ein bestimmtes Anliegen engagieren, eine Kampagne starten oder sich für eine Kammer zur Wahl stellen, um auf diesem Weg Änderungen herbeizuführen.

GULP: Viele Gesetze werden heute in Brüssel gemacht. Ist der VGSD da auch vertreten?

Dr. Andreas Lutz: Ja, von EU-Ebene können dabei durchaus positive Impulse ausgehen. Wir haben uns mit ähnlichen Verbänden in anderen europäischen Ländern vernetzt und arbeiten eng mit unserem Dachverband EFIP zusammen, der in Brüssel über einen hauptberuflichen Lobbyisten verfügt. Eine wichtige Rolle spielt dabei unser britischer Schwesterverband IPSE. Er ist der etablierteste Verband dieser Art in Europa. Er wurde 1999 unter dem Namen Professional Contractors Group gegründet und trug bis vor wenigen Monaten die Abkürzung PCG als Name. Am Anfang stand dabei der Protest gegen das “IR35 tax statute”. Mit diesem Gesetz stempelte  die Regierung viele Auftragnehmer als Scheinselbständige ab und erhöhte im Zuge dessen deren Steuern und Sozialabgaben erheblich. Dies führte damals spontan zur Gründung dieser Protestgruppe.

GULP: Beide Verbände tragen den Begriff "Independent Professional" im Name, was bedeutet dieser Begriff?

Dr. Andreas Lutz: Independent Professionals, abgekürzt "iPros" könnte man mit "unabhängige Fachleute" übersetzen. Gemeint sind hochqualifizierte Selbstständige, die keine Mitarbeiter beschäftigen und in der Regel in Projekten, nicht in hierarchischen Strukturen, tätig sind. Zu ihnen gehören ITK-Spezialisten ebenso wie Journalisten, Designer und andere Wissensarbeiter. Typisch für sie ist, dass sie sich ständig eigeninitiativ fortbilden, denn Fachwissen und Kreativität sind ihr wichtigstes Kapital. Laut einer vom EFIP finanzierten Studie hat die Zahl der iPros in Europa von 2004 bis Mitte 2013 von 6,2 auf 8,9 Millionen zugenommen. das ist eine Steigerung von 45 Prozent. In Deutschland waren es 43 Prozent.

GULP: Solche iPros spielen in der Wirtschaft also eine immer wichtigere Rolle. Hat der Staat diese Entwicklung erkannt?

Dr. Andreas Lutz: Nein, leider gehen viele Entscheider von einem veralteten Bild der Arbeitswelt aus und setzen den Fokus auf große Unternehmen, den Mittelstand und auf schnell wachsende Startup-Unternehmen. iPros und kleine Selbstständige werden übersehen, obwohl sie die große Mehrheit aller Unternehmen ausmachen und als Dienstleister für den Erfolg und die Innovationskraft großer Unternehmen eine wichtige Rolle spielen. Nebenbei gesagt stellen sie übrigens auch eine nicht zu vernachlässigende Zahl von Wählern. iPros wird häufig Scheinselbstständigkeit unterstellt, sie werden mit bürokratischen Vorschriften überfordert, Fördermöglichkeiten werden gestrichen. Im Rahmen der "Freelancers Europe"-Kampagne haben wir auf EU-Ebene deshalb fünf Forderungen aufgestellt und an Vertreter der neu gewählten EU-Kommission überreicht:

  • Erkennt uns als eigene Kategorie von Unternehmen an
  • Gebt uns gleichen Zugang zu Ausschreibungen, Förder-, Schulungsprogrammen usw.
  • Zählt uns: Erfasst uns in Statistiken getrennt als eigene Gruppe
  • Sprecht mit uns und unseren Vertretern,  beteiligt uns an der Willensbildung
  • Behandelt uns fair: Bezahlt uns pünktlich und schließt faire Verträge

 

GULP: Zurück zu den VGSD-Aktivitäten in Deutschland. Veranstalten Sie auch Regionaltreffen oder Fachveranstaltungen?

Dr. Andreas Lutz: Inzwischen haben wir in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, München, Nürnberg und Stuttgart Regionalgruppen. Die Mitglieder treffen sich zu Stammtischen und Vortragsveranstaltungen, teilweise auch in Arbeitsgruppen. Einhundertfünfundsechzig Mitglieder nehmen im Schnitt an unseren Experten-Telkos teil, die wir 14-tägig veranstalten und bei denen zwei Moderatoren aus dem Mitgliederkreis Experten zu Themen wie "Was tun wenn eine Abmahnung kommt?", "Wie setze ich mein Auto ab?", "Damoklesschwert Scheinselbstständigkeit" oder "Die Krankenversicherungsbeiträge steigen unaufhörlich. Was kann ich tun?" befragen. Im vergangenen Jahr haben wir einundzwanzig solche Telefonkonferenzen mit insgesamt 3.476 Teilnehmern durchgeführt.

GULP: Wie unterscheidet sich die kostenlose Community- von der Vereins-Mitgliedschaft und was kostet diese?

Dr. Andreas Lutz: Ich möchte das am Beispiel der Telkos erklären. Im Rahmen der kostenlosen Community-Mitgliedschaft kann jeder per Web oder Telefon an diesen teilnehmen. Vereinsmitglieder haben darüber hinaus Zugriff auf die Bibliothek der Aufzeichnungen und Präsentationen. Der Beitrag beträgt lediglich 5 Euro im Monat. Vereinsmitglieder können sich, was sehr gut ankommt, den anderen Mitgliedern kostenlos mit einem Brancheneintrag auf unserer Seite präsentieren. Außerdem profitieren sie von rund 150 Vergünstigungen, die andere Mitglieder bieten sowie hohen Rabatten, die wir für Handy- und Versicherungstarife ausgehandelt haben. Im Vordergrund steht aber, durch den Mitgliedsbeitrag den Aufbau einer effektiven politischen Interessenvertretung zu ermöglichen.

 

Informationen zum VGSD e.V.

Der VGSD e.V. lädt alle Interessierten ein, sich als kostenloses Community-Mitglied umfänglich über die Arbeit des Verbandes zu informieren.

Sie finden alle Informationen unter www.vgsd.de

Nähere Auskünfte erteilt Ihnen Dr. Andreas Lutz