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Wir wandern aus, Frau Nahles! – Ergebnisse der Scheinselbstständigkeits-Umfrage

04.02.2016
GULP Redaktion – Maria Poursaiadi
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Der von Arbeitsministerin Andrea Nahles vorgelegte Gesetzesentwurf zur Regulierung von Werkverträgen wurde in den letzten Monaten immer wieder zum Gegenstand der Kritik. Die unterschiedlichsten Stimmen aus der Öffentlichkeit meldeten sich hierzu. Vor allem wurde an dem Gesetz bemängelt, dass es sich in seiner aktuellen Fassung viel zu stark an Tätigkeiten im Bereich des Niedriglohn-Segments orientiert und Wissensarbeiter wie selbstständige IT- und Engineering-Spezialisten schlichtweg unberücksichtigt lässt. Kritisch wird unter anderem die Schutzbedürftigkeit solcher Experten hinterfragt, denn mit ihren Spezialkompetenzen sind sie weder beliebig austauschbar noch hinsichtlich ihrer Stundensatzforderung erpressbar. Doch diese Realität bildet der aktuelle Gesetzesentwurf kaum ab.

Gerade deswegen meldeten sich seit November letzten Jahres zahlreiche Knowledge Base Leser bei unserer Redaktion. Erste Freiberufler-Kommentare hatte GULP bereits im Januar veröffentlicht. Diesem ersten Schritt, den selbstständigen IT- und Engineering-Spezialisten eine Plattform für ihre Meinung zu bieten, folgte Mitte Januar eine Umfrage zu den aktuellen Entwicklungen. Zwei Wochen lang befragte GULP seine Freiberufler zu verschiedenen Aspekten rund um den Gesetzesentwurf. 440 Spezialisten nahmen teil. Hier sind die Ergebnisse:

Interesse am politischen Prozess

Verfolgen die IT- und Engineering-Freiberufler bei GULP die aktuellen Entwicklungen rund um den Gesetzesentwurf von Arbeitsministerin Nahles? Diese Grundsatzfrage beantwortete die klare Mehrheit von knapp 78 Prozent mit einem „Ja“. Ein Ergebnis, das angesichts der regen Beteiligung unserer Leser nicht ganz überraschte. Für gut ein Fünftel aller Befragten war der Gesetzesentwurf irrelevant.

Praxisorientiertheit des Gesetzes

Noch viel deutlicher fiel das Ergebnis hinsichtlich der Beurteilung des Gesetzesentwurfs im Hinblick auf seine Praktikabilität aus. Sind die angedachten Kriterien geeignet, ein Werkvertrags- und Angestelltenverhältnis voneinander zu unterscheiden? Ganze 96,3 Prozent unserer Umfrageteilnehmer sprachen sich dagegen aus. Gerade einmal 3,7 Prozent hielten die Kriterien für ein probates Mittel der Unterscheidung.

Natürlich interessierten GULP im Rahmen dieser Frage auch die Gründe, warum die Teilnehmer an der Tauglichkeit des Gesetzes zweifelten. Einige der Antworten haben wir für Sie im folgenden Schaubild zusammengestellt:

Die Zukunft der Freiberuflichkeit

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer hatte bereits im November letzten Jahres kein gutes Haar an den Plänen der Koalition gelassen. Vor allem wertete Kramer den Gesetzesentwurf als einen „kompletten Angriff auf unsere heutige arbeitsteilige Wirtschaft und als Bremsklotz der Industrie 4.0“. Eine ähnlich pessimistische Haltung konnten wir bei unseren Umfrageteilnehmern beobachten. Bei der Frage, wie diese die Zukunft ihrer Freiberuflichkeit sehen, falls der Gesetzesentwurf in seiner aktuellen Fassung in Kraft tritt, war sich der Großteil einig:

Fast 80 Prozent empfinden den Entwurf als eine Gefahr für ihren Berufsstand. Gerade einmal 15,7 Prozent stehen dem Ganzen neutral gegenüber. Zufrieden mit dem Gesetz wären 5,1 Prozent der Teilnehmer.

Welche Optionen blieben für den Fall der Fälle?

Welche Handlungsmöglichkeiten sehen Wissensarbeiter, gesetzt den Fall, dass der Entwurf in seiner augenblicklichen Form Realität wird? Laut VGSD und ADESW scheint zum jetzigen Zeitpunkt die Arbeitnehmerüberlassung für viele Freiberufler die einzige Alternative. Doch wäre diese Beschäftigungsform künftig eine Möglichkeit? In unserer Umfrage stellt Arbeitnehmerüberlassung in der Tat eine Option dar, wenn auch mit knapp 6 Prozent eine eher untergeordnete.

Nach der aktuellen Einschätzung würden gut 27 Prozent der Freiberufler ihre Selbstständigkeit der Festanstellung opfern. Diese Zahl lässt sich unter anderem damit erklären, dass einige Freiberufler ohnehin gegenüber einer Festanstellung offen wären, sofern diese mit den richtigen Konditionen verbunden ist. Hier ergab die letztjährige große GULP Stundensatz-Umfrage, dass 31,4 Prozent der Freiberufler bereit wären zu wechseln. Für die Wirtschaft eher besorgniserregend sind diejenigen Spezialisten, für die Deutschland keine berufliche Perspektive mehr bieten würde. Knapp 21 Prozent der Befragten würden der Heimat den Rücken kehren, sollte der aktuelle Gesetzesentwurf unverändert in Kraft treten. Eine weitere Ausweichmöglichkeit sehen 8,5 Prozent der Befragten in der Gründung einer eigenen Gesellschaft. Rechtlich oder gar politisch aktiv werden würden lediglich 2,2 Prozent der Umfrageteilnehmer.

Fazit

Auch wenn die Motive des Arbeitsministeriums zum Gesetzesentwurf gegen den Missbrauch von Werkverträgen nachvollziehbar sind, so gibt er bei vielen Betroffenen Grund für Unruhe und Sorge. Gerade IT- und Engineering-Spezialisten stellen in Deutschland ein knappes Gut dar, das, zumindest nach den Umfrageergebnissen zu urteilen, noch weiter verknappen könnte. Natürlich sollen und müssen gerechte und sozialverträgliche Regelungsformen gefunden werden. Jedoch muss es ein Anliegen der Politik sein, Lösungen anzubieten, die der Innovationskraft des Landes nicht schaden. Angesichts des Digitalisierungsdrucks in allen Branchen und Bereichen ist gerade der Beitrag selbstständiger IT- und Engineering-Spezialisten nicht zu verkennen. Umso wichtiger wird es in der nächsten Zeit sein, nach validen Alternativen für den aktuellen Kriterienkatalog zu suchen.

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