a Randstad company
Login

"Gehörloser Freiberufler und Berater? Wie passt das denn zusammen?“

„Ganz hervorragend!“, sagt Manuel Gnerlich, gehörloser freiberuflicher Softwareentwickler in der IT-Branche

29.08.2012
GULP Redaktion
Artikel teilen:

Die Arbeit in der IT-Branche stellt an Fachkräfte neben elaborierten fachlichen Kompetenzen den Anspruch an eine ausgefeilte Kommunikationsfähigkeit. Viele Menschen können sich nicht vorstellen, dass gehörlose Menschen über solche Fertigkeiten verfügen und ihnen die Teilhabe am beruflichen Geschehen in der IT-Welt möglich ist. Bis heute werden ihre Kompetenzen deshalb sowohl auf fachlicher Ebene, als auch auf dem Gebiet der Kommunikation mit hörenden Mitmenschen angezweifelt. Manuel Gnerlich, freiberuflicher Software-Entwickler und Berater, ist gehörlos und hat sich der Herausforderung der Inklusion gestellt: Er arbeitet in der hörenden IT-Welt und beschreibt in diesem Interview, warum das sehr gut zusammenpasst

Manuel Gnerlich, freiberuflicher - Software-Entwickler und Berater

Manuel Gnerlich: Das denken viele, aber es stimmt nicht. Diese Einstellung ist prinzipiell vergleichbar mit dem früher lange vorherrschenden Vorurteil gegenüber Gehörlosen, dass sie nicht in der Lage seien, Autofahren zu können. Schlichtweg sprach man ihnen aufgrund des fehlenden Gehörs das Geschick ab, ein Auto sicher im Straßenverkehr steuern zu können. Untersuchungen beweisen jedoch genau das Gegenteil: In Vergleich zu hörenden Autofahrern haben gehörlose Menschen deutlich weniger Verkehrsunfälle.

„Kommunikationsbarrieren machen erfinderisch – man muss sich nur trauen“

Im Laufe der Auseinandersetzung mit meiner beruflichen Zukunft bin ich immer wieder auf Kommunikationsbarrieren gestoßen – und das im Umgang mit Menschen unterschiedlichster Herkunft. Dort wurde mir klar, dass die sprachlichen Fähigkeiten Hörender in der Verständigung mit Menschen anderer Nationalitäten rasch ausgeschöpft sind, sobald sie auf Kommunikationsbarrieren stoßen. Umgekehrt können Gehörlose aufgrund ihrer entsprechenden Vorerfahrungen auf ein breites Spektrum an Kommunikationsstrategien zurückgreifen, so dass für sie Kommunikation quasi mit jedem Gegenüber funktionieren kann. Frei nach dem Motto: „Kommunikationsbarrieren machen erfinderisch – man muss sich nur trauen“.

GULP: In Bezug auf die IT-Branche – welchen Beitrag können gehörlose Menschen hier leisten?

 

Gnerlich: Einen großen, denn der Fachkräftemangel ist heutzutage ein Problem in vielen Branchen, allen voran in der IT. Auffallend bei der Beobachtung dieses Trends ist, dass in den Medien bisher nur selten davon berichtet wird, dass zur Bekämpfung des Personalmangels auf Menschen mit Behinderungen zurückgegriffen wird. Das Management eines IT-Unternehmens müsste sich diesem hausgemachten Problem gar nicht aussetzen, würde es, zusammen mit der Personalabteilung, die Ressourcen behinderter Menschen erkennen.

 

„Behinderte sind gezwungen, ihr Können in der Gesellschaft zu verbergen“

 

Da dies jedoch bis heute noch keine Selbstverständlichkeit ist, müssen behinderte Menschen noch immer gegen teils heftige Vorurteile ankämpfen und sind folglich gezwungen, ihr Können in der Gesellschaft zu verbergen, und haben nicht die Gelegenheit dazu, ihre beruflichen Qualifikationen unter Beweis zu stellen.

Seit der rechtlichen Verankerung der Deutschen Gebärdensprache (DGS) mit dem Behindertengleichstellungsgesetz (§6 BGG) im Jahr 2002 ist die visuell-manuelle Sprache gehörloser und schwerhöriger Menschen in Deutschland anerkannt. Folglich verzeichnet das Schulwesen immer mehr gehörlose Abiturienten, die eine höhere berufliche Karriere anstreben und entsprechende Ausbildungen durchlaufen – so gibt es beispielsweise gehörlose (Rechts-)Anwälte, Ärzte, Unternehmer und auch Softwareentwickler. Damit ist ein bedeutender Schritt in Richtung Inklusion gehörloser Menschen ins Arbeitsleben getan.

 

GULP: Zu dieser Personengruppe zählen Sie ja auch. Was haben Sie studiert?

 

Gnerlich: Als gebürtiger Hamburger, Jahrgang 1979, bin ich mit der Gebärdensprache als Muttersprache aufgewachsen und habe eine Gehörlosenschule besucht, an der auch teilweise in Gebärdensprache unterrichtet worden ist. Nach meinem Fachabitur habe ich an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg technische Informatik studiert. Während meiner Studienzeit habe ich einen Teil des Studiums im Rahmen eines einjährigen Auslandsaufenthaltes in England abgeschlossen, so dass ich heute zwei Abschlüsse vorweisen kann: Computing Science B.Sc. und Technische Informatik B.Sc.

 

GULP: Haben Sie sich nach dem Studium gleich selbstständig gemacht?

 

Gnerlich: Nicht sofort. Durch meinen Erfahrungsschatz und meine Leidenschaft für das Programmieren haben ich nach meiner Ausbildung rasch eine unbefristete Anstellung als Java-Softwareentwickler gefunden. Dort konnte ich mein Fachwissen schwerpunktmäßig in der dynamischen Webanwendungs-Entwicklung im JavaEE-Umfeld im Bereich Back- und Frontend vertiefen.

 

„Ich habe den Impuls verspürt, mich der großen Herausforderung zu stellen“

 

Während meiner Tätigkeit in diesem Betrieb habe ich bei der Java-Entwicklung sehr von meiner stark ausgeprägten visuellen Konzeptionsfähigkeit profitieren können – eine wesentliche Stärke, die gerade mich als gehörlosen Freiberufler ausmacht.

Nach zweieinhalb Jahren Festanstellung und einem breiten Erfahrungsspektrum durch die Arbeit in verschiedenen Projekten habe ich den Impuls verspürt, mich der großen Herausforderung zu stellen und habe meinen Traum verwirklicht, indem ich mich als Softwareentwickler selbstständig gemacht habe.

 

GULP: Dieser Beruf setzt Kommunikation als Kernkompetenz voraus. Sie stehen ständig in engem Kontakt zu Kunden und Firmen und müssen oftmals eine vermittelnde Position einnehmen. Wie machen Sie das?

 

„Kommunikation ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt“

 

Gnerlich: Grundsätzlich ist Kommunikation ein Thema, das mir persönlich sehr am Herzen liegt. Vielen Menschen ist es bis heute unbegreiflich, wie ich diese komplexe Herausforderung als gehörloser Freiberufler bewältige und wie problemlos die Kommunikation zwischen mir und den meist hörenden Kunden abläuft. Schon oft wurde ich gefragt, wie ich mich in einem selbstorganisierten Entwicklerteam, das die Methode der agilen Softwareentwicklung wie z.B. SCRUM benutzt, einbringen kann. Ja, kann ich! Für alternative Kommunikationswege gibt es eben zahlreiche Lösungen.

 

GULP: Wie sehen diese Lösungen aus?

 

Gnerlich: Bei Bedarf, z.B. bei Meetings, Face-to-Face-Unterhaltungen, bei Veranstaltungen, Workshops usw. ziehe ich Gebärdensprachdolmetscher hinzu – manchmal in persona, manchmal online zugeschaltet.

Wenn es planbar ist, z.B. bei größeren Meetings, bringe ich immer zwei Dolmetscher mit, die für mich simultan übersetzen. Wenn kurzfristig kein Dolmetscher aufzufinden ist, für das tägliche zehnminütige Stand-up-Meeting oder bei Video- und Telefonkonferenzen auf Deutsch oder Englisch benutze ich einen Ferndolmetschdienst. Das heißt, es werden online ein Gebärdensprach- oder Schriftdolmetscher zugeschaltet. Die Meeting-Teilnehmer sehen den Text des Schriftdolmetschers oder das Video des Gebärdensprachdolmetschers auf dem Laptop oder Smartphone. Für die Finanzierung der Dolmetscher bekomme ich eine jährliche Förderung zur Teilhabe am Arbeitsleben vom Integrationsamt.

 

GULP: Wo holen Sie sich außerdem Unterstützung?

 

Gnerlich: Wie bereits erwähnt, stellen die Kommunikation und die breite Netzwerkarbeit in meinem Beruf ein grundlegendes Merkmal für erfolgreiche Arbeit dar. Die aktive Zusammenarbeit von freiberuflichen Softwareentwicklern ist dabei unerlässlich, um den Professionalisierungsprozess des Berufsbildes voranzutreiben und zu wahren. So bin auch ich seit 2011 Mitglied im Berufsverband Selbstständige in der Informatik (BVSI). Bei meiner Existenzgründung habe ich Unterstützung vom KfW-Gründercoaching Deutschland bekommen, um den Schritt in die Selbstständigkeit gehen zu können, und meine Kompetenzen strategisch effizient auf dem Gebiet ausbauen und festigen zu können.

 

GULP: Noch mal zum Arbeitsalltag: Gibt es bei der Übersetzung auch mal Missverständnisse?

 

„Selbstverständlich treten gelegentlich Missverständnisse auf“

 

Gnerlich: Dass die Verständigung mit Hörenden im Arbeitsprozess sicherlich nicht immer reibungslos ablaufen würde, war mir bewusst – doch ich habe mich darin gefordert gesehen, auf meine kommunikativen Fertigkeiten zu vertrauen und damit war und bin ich erfolgreich. Da die Gebärdensprache meine Muttersprache ist, treten in lautsprachlicher Kommunikation selbstverständlich gelegentlich Missverständnisse auf. In Hinblick auf die Anwendungsvielfalt von Open Source im internationalen Rahmen sind mittlerweile jedoch die Risiken kommunikativer Missverständnisse dadurch verringert, dass sich die Online-Welt zunehmend der schriftlichen Kommunikation bedient. Wir alle kommunizieren im Arbeitsalltag über Chatprogramme, Diskussionsportale oder Foren. Ein praktischer Nebeneffekt sind dabei natürlich die rasche Datenübertragung und der unkomplizierte Austausch von Dokumenten. Die Erfahrungen, die ich dadurch bisher verzeichnen konnte, sind durchweg positiv. Rückblickend auf meine bisherige Berufslaufbahn schätze ich den kulturellen Austausch in der Kommunikation mit Hörenden sehr.

 

GULP: Welchen Tipp möchten Sie IT-/Engineering-Freiberuflern und Unternehmen mit auf den Weg geben?

 

Gnerlich: Hier möchte ich Sie gerne an meinem Lebensmotto teilhaben lassen, welches mir viele Türen in meiner beruflichen Laufbahn geöffnet hat und wodurch ich meinen Erfahrungsschatz um ein Vielfaches erweitern konnte – vor allem, was das Lösen von Problemen angeht:

 

"Erzähle mir und ich vergesse.
Zeige mir und ich erinnere mich.
Lass es mich tun und ich verstehe."
(Konfuzius)

 

Die in meinen Augen wichtige Quintessenz des Zitats besteht darin, dass Arbeitsbedingungen und Qualität eng zusammenhängen und oftmals eine Frage der Einstellung sind. In Bezug auf Gehörlose gilt, dass sie gleichermaßen wie Hörende berufliche Herausforderungen meistern können – wenn man ihnen denn die Chance dazu gibt.

 

Herr Gnerlich, vielen Dank für dieses Interview und weiterhin viel Erfolg!

 

Zum Kommunizieren und Netzwerken: Sie erreichen Herrn Gnerlich auch per E-Mail oder Twitter.