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Mythos oder Wahrheit: Wie groß ist der Mangel an Ingenieuren?

Fakten zum Bedarf und Lösungsansätzen | Warum profitieren Freiberufler besonders?

01.11.2016
GULP Redaktion – Florian Schießl
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Alle Jahre wieder… gibt es Hilferufe aus dem Arbeitsmarkt: „Zu wenig Nachwuchs bei Ingenieuren“, „hochqualifizierte MINT-Experten händeringend gesucht“, „Mittelstand befürchtet Umsatzeinbußen wegen Fachkräftemangels“. Ist das Thema aufgebauscht oder ein echtes Problem? Die Fakten:

  • Aktuell herrscht auf dem deutschen Arbeitsmarkt beinahe Vollbeschäftigung. Dadurch kommt der Mangel an hochqualifizierten Engineering-Fachkräften zuletzt noch stärker als bisher zum Tragen. Gerade in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) ist die Arbeitslosenquote rückläufig (2015: 343.000 Arbeitslose), während die Nachfrage steigt (2015: 166.000 gemeldete Stellen). Die Arbeitskräftelücke war Anfang 2014 schon einmal relativ gering, steigt seitdem jedoch wieder.
  • Eine Momentaufnahme? Bleibt die Vollbeschäftigung? Wie entwickeln sich die Zahlen bei den Studienabsolventen und die deutsche Volkswirtschaft im Allgemeinen? Für die Zukunft rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft Köln in jeglichem Szenario mit einer „Unterdeckung an Ingenieuren“. Diese liegt „zwischen 84.000 und 390.000 Ingenieuren“ für den Zeitraum von 2015 bis 2029.
  • In Großunternehmen gibt es einen besonders großen Anteil von Ingenieuren. Die Bundesagentur für Arbeit hat schon 2011 unter den sieben Akademikerberufen mit dem größten Fachkräftemangel vier Ingenieursbereiche genannt: Maschinen- und Fahrzeugbauingenieure, Elektroingenieure, sonstige Ingenieure und Bauingenieure. Auch 2016* hat sich diese grobe Tendenz bestätigt: Es fehlt v.a. an Engineering-Experten in Metallbau- und Schweißtechnik, Maschinen- und Fahrzeugtechnik, Mechatronik und Automatisierung, Elektrotechnik, Konstruktion und Gerätebau, Ver- und Entsorgung.
  • Auch der Mittelstand ist betroffen. Er vermeldet zwar Rekordumsätze, hat aber daher auch Probleme, die große Nachfrage zu decken: Knapp die Hälfte der mittelständischen Unternehmen beklagen Umsatzeinbußen wegen Mangel an geeigneten Arbeitskräften, über zwei Drittel haben Probleme bei der Mitarbeitersuche (Ernst & Young).

Problembekämpfung – was wurde bisher erreicht?

Der Fachkräftemangel in MINT-Berufen ist also kein Mythos. Und er ist seit Jahren bekannt. Problem erkannt, Problem gebannt? Was wurde unternommen, um das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage im Markt zu bekämpfen? Und wie erfolgreich waren diese Maßnahmen?

  • Ansatzpunkt: Schulen und Hochschulen. Hier werden MINT-Berufe gefördert, z.B. mit dem Programm „Zukunft schaffen“. Damit sollen Neugier und Kompetenzen im naturwissenschaftlich-technischen Bereich unterstützt werden.
  • Ergebnis: Die Zahl der Studienanfänger in MINT Fächern ist in den letzten Jahren überproportional gestiegen, besonders in den Bereichen Elektrotechnik und Bauingenieurwesen, siehe z.B. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Arbeitsagentur*. In den Schulen ist man zwar noch weit von den politisch anvisierten Zielen weg, seit 2005 ist jedoch die Kompetenz der Schüler in den meisten naturwissenschaftlichen Fächern signifikant gestiegen.

 

  • Ansatzpunkt: Aus- und Weiterbildungsprogramme der Arbeitgeber. 2013 wurden in allen deutschen Unternehmen zusammen insgesamt 33,5 Mrd. Euro in Weiterbildung investiert, pro Mitarbeiter sind das im Durchschnitt 1.132 Euro im Jahr. Generell steigt das Investment von Firmen in das Wissen der Mitarbeiter in den letzten Jahren seit 2004 tendenziell leicht an.
  • Ergebnis: Ob Arbeitgeber in MINT-Beschäftige besonders stark investieren, ist nicht bekannt. So oder so ist fraglich, ob mit etwas mehr als tausend Euro pro Mitarbeiter und Jahr Kompetenzen aufgebaut werden, die fundamental etwas am Problem ändern. Gemessen am durchschnittlichen Betrag sind eher 1-2 Weiterbildungstage möglich als ein Zertifikat oder gar ein wesentlicher Anteil eines Studiengangs.

 

  • Ansatzpunkt: Frauen in MINT-Berufen. Die Ingenieurinnenquote* liegt in Deutschland mit 15 Prozent teils deutlich hinter anderen europäischen Ländern wie Schweden oder Bulgarien (25 Prozent). Fehlende Aufstiegschancen und Schwierigkeiten bei der Vereinbarung von Familie und Beruf halten Frauen zusätzlich davon ab, nach dem Studium eine MINT-Karriere einzuschlagen. Aktionsbündnisse wie „Komm, mach MINT“ unternehmen einiges, um weiblichen Nachwuchs zu begeistern und Frauen in MINT-Berufen besser zu etablieren.
  • Ergebnis: Der Trendpfeil geht nach oben. 2012 gab es etwa 57 Prozent mehr MINT-Studienanfängerinnen als noch 2008, zuletzt war bereits jeder vierte Student im Ingenieurwesen weiblich*. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheint sich gefühlt in den letzten Jahren zu verbessern, variiert von Unternehmen zu Unternehmen jedoch stark.

Lösungen für akuten Bedarf?

Diese Maßnahmen packen das Problem teils an der Wurzel, ihre Wirkung wird sich jedoch erst mittel- bis langfristig entfalten. Der Bedarf bei Großunternehmen und Mittelständlern ist jedoch akut: Mit Vakanzzeiten von größtenteils über 100 Tagen statt durchschnittlich 80 ist der Engineering-Bereich derjenige, in dem offene Stellen am längsten unbesetzt bleiben (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie).

Neben der Personalknappheit liegt das unter anderem auch an den sehr spezifischen Anforderungen bzgl. der Fähigkeiten von Kandidaten. Gesucht werden weniger Generalisten, sondern Spezialisten, die komplexe Herausforderungen im Ingenieurwesen rund um Projektmanagement, Berechnung, Konstruktion, Entwicklung und Co. dank ihres herausragenden Know-hows lösen können. Daher bleiben mutmaßlich manche Stellen länger als im Durchschnitt unbesetzt, weil die verfügbaren Kandidaten am Markt häufig nicht hundertprozentig passen.

 

*Die Quelle dieser Daten ist leider nicht mehr online verfügbar, dafür ist der 2018 aktualisierte Report der Bundesagentur für Arbeit verfügbar.

In eigener Sache

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Lesermeinungen zum Artikel

1 von 5 Sternen | Insgesamt 2 Bewertungen und 2 Kommentare

  • Am Leben vorbei

    Henrik am 23.08.2018 um 10.12 Uhr

    Berufseinstieg als Absolvent ist genauso schwer, wenn man nicht bei einem Ingenieursdienstleister enden will.
    Der VDI vertritt nur die Interessen der Arbeitsgeber. VDI = Verband der Ingeniersdiensleister. Offene Stellen werden mit fünf oder sieben multipliziert, weil nicht jede offene Stelle gemeldet wird. -> Wer danach Berechnungen anstellt, wird als Ingenieur gefeuert. Wieso nicht gleich mit 100 multiplizieren, dann sieht es noch dramatischer aus. Wenn Unternehmen offene Stellen haben, dann sollen Sie diese melden beim Arbeitsamt.

    Billige Ingenieure sollen her, um jeden Preis. Möglichst unter 40.000 € oder am besten gleich für 0€ arbeiten. Ingenieursgehälter von außländischen Ingenieuren wurden dank der Bluecard auf 35.500€ gesenkt. Also anstatt, dass die gesuchte Fachkraft teuerer wird ( Angebot und Nachfrage), wird diese beliebig günstiger, was überhaupt keinen Sinn macht. Traumgehälter vor Studium versprechen und Erdnüsse danach verteilen.

    Die meisten Absolventen mit guten Jobs haben diese meistens über Vitamin-B bekommen. Der reguläre Bewerbungsprozess ist ebenfalls so aufwendig und gleicht einer reinen Tortur.
    Telephoninterview -> 1. Vorstellungsgespräch -> 2 Vorstellungsgespräch und dann vielleicht einen Job.
    Was erhofft man sich davon? Wer ein Aufschneider und Selbstdarsteller ist, der wird durch all diese Prozesse gut durchkommen und am Ende doch nur mittelmäßige Arbeit verrichten.

    Zudem wer als junger Ingenieur 2-3 Jahre gearbeitet hat, bekommt dann häufiger Anfragen von Headhuntern. Jeder Betrieb ist so paranoid, dass Absolventen nicht einstellen werden, weil diese zunächst Arbeit machen und nach 2-3 Jahren wegziehen könnten. Lieber klaut man anderen diese Ingenieure. Zudem wird ja immer mobilität und flexibilität erwünscht. Mal ernsthaft, wer jung ist, mehr als zwei Sprachen spricht, einen guten Abschluss hat und vorallem flexibel ist, der geht ins Ausland und verlässt dieses Lohndrückerland.
    Hier mein Tipp. Stellt die Leute ein und bezahlt diese anständig und hört auf weiterhin den Fachkräftemangel zu propagieren.
    Überings wir haben einen PORSCHE-Mangel, weil ich keinen Neune unter 10.000€ finde.

  • Völlig verzerrte Wahrnehmung

    Claudia Reuter am 08.09.2017 um 06.58 Uhr

    Völlig an der Realität vorbei!
    Sie leben wohl in einem Alternativ-Deutschland.
    Haben Sie sich schon die Situation älterer auch extrem gut ausgebildeter Ingenieure betrachtet?
    Gerade bei viel Fachwissen winkt der Personaler dankend ab:
    Sie müsen in erster Linie hier REINPASSEN.
    Was soll das meinen - richtig -sie stammen nicht aus dem passenden Netzwerk.
    Sie sind nicht mehr jung genug, will heissen, als Arsch-Stopsel formbar.
    Oder als Zeitarbeitssklave willig genug.
    Zwicken Sie sich mal ins Ohr, vielleicht wachen Sie dann auf.

    Antwort von der GULP Redaktion

    Hallo Frau Reuter,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Die Tendenz, dass trotz ausreichender Anzahl an Ingenieuren die Anforderungen der Unternehmen nicht immer zum Angebot passen, ist uns ebenfalls aufgefallen. Wir haben dies in einem aktuelleren Artikel bereits aufgegriffen: https://www.gulp.de/knowledge-base/17/iii/ingenieure-gesucht-aber-wo.html

    Mit freundlichen Grüßen
    Ihre GULP Redaktion

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