Selbstständig machen: Vorteile und Nachteile

Interview mit Tatjana Müller

Endlich selbstbestimmt arbeiten, nur Aufträge annehmen, die man auch gut findet und die Arbeitszeit flexibler gestalten: Für viele ist die Aussicht, als Freelancer zu arbeiten, mehr als verlockend. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, die Sicherheit einer Festanstellung aufzugeben, beispielsweise ein regelmäßiger Gehaltseingang und eine gute soziale Absicherung. 

Tatjana Müller hat 2017 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Was ihre Beweggründe waren, sich selbstständig zu machen, welche Herausforderungen sie meistern musste und welchen Ratschlag sie allen Neu-Freelancern geben würde, darüber spricht sie in unserem Interview.

Selbstständig arbeiten: Ja oder nein? Wer vor dieser Frage steht, hat einiges abzuwägen. Was sind aus deiner Sicht die Hauptgründe, warum Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen? Und was war deine persönliche Motivation?

Tatjana Müller: Ich denke, dass es vielen um Freiheit und Selbstverwirklichung geht. Um die Freiheit, sein eigener Chef zu sein und unabhängig arbeiten zu können, im eigenen Rhythmus und zu den eigenen Bedingungen. Das waren 2017 im Großen und Ganzen auch meine Gründe für die Selbstständigkeit und das Leben als Freelancer. Ich wollte zum einen die berufliche Herausforderung, zum anderen ortsunabhängig arbeiten und viel reisen können.

Was sind deiner Meinung nach die Vorteile und Nachteile der Selbstständigkeit im Vergleich zur Arbeit als Angestellter?

Tatjana Müller: Das mit den Vor- und Nachteilen der Selbstständigkeit ist sehr subjektiv. Im Vordergrund stehen als Vorteile meistens die Selbstbestimmung und die Ortsunabhängigkeit. Ob das lediglich Vorteile sind, ist aber Typsache. Wer feste Strukturen braucht, würde als Freiberufler oder digitaler Nomade vermutlich schnell vor Herausforderungen stehen. Wer sich aber selbst disziplinieren kann und organisiert ist, wird die Tatsache genießen, nicht weisungsgebunden zu sein. Als möglicher Nachteil könnte zählen, dass man die Verantwortung für sein „Business“ allein trägt und mehr Druck ausgesetzt ist. Wer aber zu 100 Prozent hinter seiner Selbstständigkeit steht, wird auch das meistern.

Um herauszufinden, ob man die Fähigkeiten für eine Freiberufler-Laufbahn mitbringt, würde ich einen Blick auf die jetzige Arbeitssituation werfen: Kann ich mich im Homeoffice allein motivieren? Wie reagiere ich, wenn sich kurzfristig ein Projekt ändert und ich umplanen muss? Fällt mir das leicht?

Was müssen angehende Selbstständige deiner Meinung nach an Eigenschaften und Fähigkeiten mitbringen? Und wie kann ich für mich herausfinden, ob ich diese Fähigkeiten besitze?

Tatjana Müller: Disziplin und gutes Zeitmanagement gehören definitiv dazu. Vor allem am Anfang der Selbstständigkeit, wenn man vieles – oder alles – noch selbst macht. Bürokratie, Kunden finden, Buchhaltung, IT – da fällt viel an. Hier muss man organisiert genug sein, um den Überblick zu behalten. Um herauszufinden, ob man die Fähigkeiten für eine Freiberufler-Laufbahn mitbringt, würde ich einen Blick auf die jetzige Arbeitssituation werfen: Kann ich mich im Homeoffice allein motivieren? Wie reagiere ich, wenn sich kurzfristig ein Projekt ändert und ich umplanen muss? Fällt mir das leicht? 

Die Frage „Soll ich mich selbstständig machen?” ist beantwortet und die Entscheidung gefallen: Was sind die ersten Schritte, um als Freelancer durchzustarten?

Tatjana Müller: So kontrovers es klingen mag: Auch wenn man nicht per Definition arbeitslos sein wird, sollte man innerhalb von drei Tagen nach der Kündigung beim Arbeitsamt anrufen. Das ist vor allem dann wichtig, wenn man sich um einen Gründerzuschuss bemühen möchte und hier gewisse Fristen beachten muss. Daher würde ich mich frühestmöglich zu Fördermitteln beraten lassen. Ansonsten fallen viele bürokratische Dinge rund um Meldung beim Finanzamt & Co. an, um die man sich rechtzeitig kümmern sollte.

Welchen Herausforderungen und Risiken bist du begegnet, als du dich selbstständig gemacht hast? Und was sind generell häufige Fehler, die frischgebackene Freelancer machen?

Tatjana Müller: In meinem Fall war das „Risiko Selbstständigkeit” überschaubar. Zum Arbeiten brauchte ich nur einen Computer und Internetanschluss, hatte also keine großen Investitionen zu tätigen. Als Herausforderung habe ich am Anfang die Kundengewinnung empfunden. Wer noch nicht auf dem Markt bekannt ist, muss sich erstmal einen Namen machen und diszipliniert am Ball bleiben, bis Kunden auch mal von allein über Weiterempfehlungen oder Social Media anfragen. Aber das Durchhalten hat sich in meinem Fall gelohnt: Ab einem gewissen Punkt trudelten die meisten Projekte über Weiterempfehlungen ein und ich konnte langfristige Kundenbeziehungen aufbauen. Was berühmte Fehler angeht, fällt mir vor allem einer ein: Nicht genug finanzielles Polster aufbauen.

Mein Rat an frischgebackene Freelancer: Vernünftig mit dem Geld umgehen, das man verdient.

Hast du Tipps, wie angehende Freelancer diesem Fehler begegnen können?

Tatjana Müller: Da gibt es nur eine Antwort: Vernünftig mit dem Geld umgehen, das man verdient. Ich habe zum Beispiel immer 30 bis 50 Prozent von jedem Umsatz zurückgelegt. Das bedeutete vor allem im ersten Geschäftsjahr Verzicht auf den ein oder anderen Luxus, aber mit steigendem Finanzpolster sicherte ich mir schließlich, flexibel auf potenzielle Auftragslücken reagieren zu können. Ich kann gut verstehen, wenn man stolz auf die ersten Einnahmen ist und sich davon etwas gönnen möchte. Das sollte sich aber allein schon aus steuerlichen Gründen die Waage halten, damit man bei anfallenden Nach- und Vorauszahlungen auch noch genug Mittel hat. 

Welche Strategien empfiehlst du, um sich als Selbstständiger erfolgreich am Markt zu positionieren und Kunden zu gewinnen?

Tatjana Müller: Zuerst einmal ist es wichtig, genau zu wissen, wie das eigene Angebot aussieht und wie man sich positioniert. Zudem sollte man seine Zielgruppe genau kennen. Welche Lösungen suchen meine potenziellen Kunden auf welchem Kanal? Womit kann ich ihnen helfen? Aber bevor man eine Strategie bis zum Perfektionismus ausfeilt, sollte man auch einfach mal starten und den Ball ins Rollen bringen. Mit steigenden Erfahrungen und Kontakten kann das je nach Branche ganz schnell passieren. Wichtig ist es auf jeden Fall, sichtbar zu bleiben.

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Selbstständig = selbst und ständig, so ein landläufiges Vorurteil. Ist da was dran und wie können Freelancer mit dieser höheren Arbeitsbelastung umgehen? Gibt es eine Work-Life-Balance für Selbstständige und wie erhalte ich diese?

Tatjana Müller: Es ist tatsächlich ein Standardspruch und rührt vermutlich daher, dass man als Freiberufler mehr Verantwortung, mehr Druck und viele Rollen auszufüllen hat. Natürlich arbeitet man viel in der Selbstständigkeit, vor allem am Anfang. Ich jedoch würde nicht behaupten, selbst und ständig gearbeitet zu haben. Pausen sind mir wichtig und ich halte diese für essenziell. So hatte auch ich meine freien Tage, die mit dem richtigen Zeitmanagement und Grenzen setzen umsetzbar waren. Und am Ende ist es auch eine Frage der Sichtweise: Ist es Arbeit, wenn ich mit einem Kaffee am Mainufer sitze und dort ein Brainstorming für einen Kunden vorbereite? Eigentlich ja, aber wie Arbeit fühlte es sich dann für mich nie an. Vermutlich definiert sich Work-Life-Balance als Freiberufler anders, da die Bereiche nicht mehr so ganz voneinander zu trennen sind.

Als Freiberufler kann man seinen Arbeitsalltag völlig frei gestalten und so einem selbstgebauten Hamsterrad entgegenwirken.

Die erste Aufregung und der Reiz des Neuen haben sich gelegt und der Alltag hält Einzug. Wie kann ich langfristig meine Motivation und Leidenschaft für mein Geschäft aufrechterhalten?

Tatjana Müller: Erstmal vorweg: Auch als Freiberufler darf man mal weniger gute Tage haben. Die gehen vorbei und es kommen wieder bessere mit mehr Motivation. Als Tipp würde ich mitgeben, die Freiheiten, die man hat, auch tatsächlich auszunutzen. Motiviert dich ein Arbeitsplatzwechsel in dein Lieblingscafé? Würde dich ein interessanter Online-Kurs oder Podcast pushen, Neues zu lernen und danach umzusetzen? Oder motiviert dich die Aussicht auf ein langes Wochenende? Als Freiberufler kann man seinen Arbeitsalltag völlig frei gestalten und so einem selbstgebauten Hamsterrad entgegenwirken.

Was war dein größtes Learning? Welche Ratschläge möchtest du Menschen mitgeben, die mit dem Gedanken spielen, ein Leben als Freelancer zu starten?  

Tatjana Müller: Mein größtes persönliches Learning war, dass ich mich beruflich sehr gut auf mich verlassen und „selbst stehen“ kann. Dabei habe ich sehr viel an Selbstvertrauen gewonnen. Ich habe in vielen Themenbereichen dazugelernt und vor allem habe ich seit meiner Selbstständigkeit das Gefühl, immer sehr gut auf „das große Ganze“ blicken zu können. Als Tipp würde ich angehenden Freiberuflern mitgeben, an sich selbst zu glauben, nicht zu viel Angst zu haben und immer in Lösungen zu denken. Und nicht zuletzt: das berufliche Abenteuer zu genießen.

Tatjana Müller, freiberufliche Texterin

Interviewpartnerin

Tatjana Müller begann ihren Werdegang als Redakteurin bereits neben ihrem Studium und war dabei für diverse Print- und Onlinemedien tätig. Sie arbeitete als PR-Redakteurin für Kommunikationsagenturen, bis sie 2017 ihren festen Job kündigte, um sich den Traum der Selbstständigkeit und des ortsunabhängigen Arbeitens zu erfüllen. Als freiberufliche Texterin schrieb sie vor allem für die IT- und Tourismusbranche und bloggte währenddessen über die Höhen und Tiefen des Freelancer-Lebens. Aktuell arbeitet Tatjana Müller als Content Manager und Editor im Bereich Karriereberatung und ist nebenberuflich als Texterin und Autorin in Frankfurt tätig. “Freiberufler werden” ist ihr erstes Buch und erhältlich beim Springer Verlag. (ISBN: 978-3-658-41078-0)