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Kuriose IT-Schadenfälle aus der Praxis

Das kann im Business schiefgehen

06.06.2018
Ralph Günther – Freiberuflicher Autor
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Tausende doppelt verschickte Bestellungen, zerschossene Formulare und ein brennender Schneepflug: Wenn IT-Experten in ihrer Arbeit Fehler machen, sind es nicht immer die klassischen Programmier- oder Konfigurationsfehler. Dass es in der Welt der Schadenfälle durchaus kurios zugehen kann, zeigen echte Fälle aus der Praxis, die Versicherungsexperte und exali.de Geschäftsführer Ralph Günther heute vorstellt. Außerdem erklärt er, worauf es bei einer guten Absicherung für IT-ler ankommt.

Unerwünschte Päckchenflut und 50.000 Euro Schaden

Im ersten Fall wurde die eigentlich besinnliche Weihnachtszeit für einen IT-Dienstleister zur nervlichen Zerreißprobe. Dabei begann alles ganz harmlos: Für einen Kunden hatte er ein Modul programmiert, das Bestellungen aus verschiedenen Shopsystemen entgegennimmt, diese in Sendungen aufteilt und an Versandpartner auf der ganzen Welt weiterleitet. Dieses Modul konnte auch manuell aktiviert werden, um mehrere Bestellungen gleichzeitig zu bearbeiten. Kurz vor Weihnachten sollte das Programm circa 3.500 Bestellungen gleichzeitig verarbeiten. Das ist natürlich in Amazon-Zeiten so gut wie nichts. Das Problem: Die Applikation war noch nicht auf Geschwindigkeit optimiert. Es dauerte dadurch drei bis zehn Sekunden, um eine einzige Bestellung zu verarbeiten, und das System lief für mehr als drei Stunden mit 100-prozentiger CPU-Auslastung!

Die Folge der Überlastung war, dass die Benutzeroberfläche „einfror“ und nichts mehr ging. Deshalb bat der Kunde den IT-Dienstleister, den Versand manuell anzustoßen. Da er überhaupt keine Rückmeldung mehr vom System bekam, musste der IT-Experte zuerst den Prozess komplett stoppen. Dabei ging er davon aus, dass das System den Stand der Pakete, die bereits übermittelt wurden, zwischenspeichert. Ein Irrtum mit fatalen Folgen. Denn das Programm hielt den Stand der Bestellungen erst am Ende fest und nicht nach jeder einzelnen Sendung. Nachdem der IT-Spezialist das System neu hochgefahren hatte, startete er den Versand in kleinen Schritten neu. Die Folge: Viele Bestellungen wurden doppelt verschickt. Das Ende der nicht sehr fröhlichen Vorweihnachtsgeschichte: Für die Logistik und den Warenwert der doppelt versandten Bestellungen forderte der Kunde rund 50.000 Euro Schaden ein.

Eine Kundenwebsite tot – und der Entwickler ist schuld

Kleiner Auftrag – großer Schaden. Diese schmerzhafte Erfahrung musste ein Entwickler machen. Er sollte die Website seines Kunden, eines Reiseunternehmens, minimal verändern und sie nutzerfreundlicher machen. Dabei schlich sich jedoch ein Fehler ein, der dazu führte, dass es auf der Website des Reiseunternehmens gespenstisch ruhig wurde: Keine Buchungsanfragen, keine Katalogbestellungen und keine Kontaktaufnahmen – und das mehrere Tage lang. Versehentlich hatte der IT-Freelancer alle Formulare zerschossen. Am Ende standen ein Umsatzausfall von rund 90.000 Euro und ein entgangener Gewinn von circa 9.000 Euro ins Haus. Letzteren musste der IT-Experte als Schadenersatz bezahlen.

Schneepflug in Brand gesetzt

IT-Experten können auch einen Sachschaden verursachen – das zeigt der nächste Fall. In diesem hat ein IT-Dienstleister eine Aufgabe übernommen, für die er nicht wirklich qualifiziert war. Eine Straßenmeisterei beauftragte ihn damit, eine Telematik für Winterdienste zu programmieren und – das ist die ungewöhnliche Aufgabe – diese in einen Schneepflug einzubauen. Die Telematik dokumentiert zum Beispiel, welche Straßen das Räumfahrzeug bereits gestreut oder geräumt hat und übermittelt die Daten an die zuständige Behörde.

Die Stromversorgung der Telematik sollte über die Sitzheizung des Fahrzeuges laufen. Anstatt das Anschlusskabel aber an den Sicherungsausgang anzuschließen, schloss der Informatiker es am Eingang der Sicherung an. Ein paar Wochen später gab es unabhängig vom Fehler des IT-Experten an der vorderen Stoßstange des Schneepflugs einen Defekt, der zu einem Kurzschluss führte. Da das Kabel vor der Sicherung angeschlossen war, konnte diese nicht herausspringen und ein Überhitzen des Fahrzeugs verhindern. Die Folge: Das Kabel begann zu schmoren und der Schneepflug qualmte. Schlimmeres konnte nur verhindert werden, weil der Schneepflugfahrer geistesgegenwärtig reagierte. Trotzdem betrug der Sachschaden am Schneepflug rund 14.000 Euro.

Richtig absichern: Wie muss eine gute IT-Haftpflicht aussehen?

Die genannten Fälle haben eines gemeinsam: Alle IT-Spezialisten hatten eine Berufshaftpflichtversicherung abgeschlossen, die ihnen dabei half, die Haftungsfrage zu klären und die am Ende die Schadenersatzzahlungen übernahm. Doch was muss eine gute Absicherung für IT-ler beinhalten, damit ein Schadenfall am Ende doch glimpflich ausgeht?

Das A und O: Die Vermögensschadenhaftpflicht

IT-Dienstleister sollten bei der Auswahl einer Berufshaftpflichtversicherung dringend darauf achten, dass Vermögensschäden abgesichert sind. Denn 93 Prozent der Schäden, die IT-Experten verursachen, sind laut einer internen exali.de Studie sogenannte Vermögensschäden. Das sind finanzielle Schäden, die der Experte bei jemand anderem (zum Beispiel bei einem Kunden) verursacht, ohne dass ein Personen- oder Sachschaden vorausgegangen ist. Beispiele dafür sind die ersten beiden vorgestellten Fälle, nämlich der Doppelversand und die lahmgelegte Kundenwebsite. Diese Vermögensschäden müssen daher unbedingt versichert sein. Dazu gehören auch Rechtsverletzungen, zum Beispiel Verstöße gegen das Urheberrecht oder Datenschutzgesetze. In diesen Fällen hilft der Versicherer dabei, aufzuklären, ob die Forderung gerechtfertigt ist, übernimmt die Kosten der Schadenabwehr (zum Beispiel Gutachter-, Anwalts- und Gerichtskosten) und bezahlt am Ende eine berechtigte Schadenersatzsumme.

Für Sach- und Personenschäden: Büro- und Betriebshaftpflicht

Wenn Gegenstände oder Personen durch den Dienstleister geschädigt werden, wird dies durch die Büro- und Betriebshaftpflicht abgedeckt. Dass IT-Selbstständige auch hohe Sachschäden verursachen können, zeigt der Fall des brennenden Schneepflugs. Zu den Sachschäden gehören auch Schäden an angemieteten Büroräumen. Daher ist es sinnvoll bei der Absicherung darauf zu achten, dass auch eine Büro- und Betriebshaftpflicht im Schutz enthalten ist.

Schäden beim IT-Experten selbst: Die Eigenschadenversicherung

Auch beim IT-Experten selbst kann ein Schaden entstehen (sogenannter Eigenschaden). Das kann beispielsweise durch den Rücktritt des Auftraggebers vom Werkvertrag passieren. In diesem Fall würde der Versicherer zum Beispiel die Kosten für vergebliche Personal- und Sachaufwendungen übernehmen.

Allgemein gilt: Eine gute IT-Haftpflicht passt sich neuen Aufgabengebieten und Herausforderungen in der IT-Branche und den individuellen Bedürfnissen an und kann durch sinnvolle Zusatzbausteine erweitert werden (zum Beispiel für Cyber-Eigenschäden, Tätigkeiten im Bereich Engineering oder die persönliche Haftung als Geschäftsführer einer IT-GmbH).

 

Ralph Günther von exali.de gilt als ausgewiesener Experte, wenn es um Risikomanagement und spezifische Haftpflichtversicherungen für freie Berufe, Dienstleister und mittelständische Unternehmen der IT-, Medien-, Consulting- und E-Commerce-Branche geht. Als einer der Vorreiter im Online-Versicherungsbusiness hat er aktiv an der Verbesserung des Versicherungsschutzes für Freiberufler mitgewirkt und neue Leistungserweiterungen am Markt eingeführt. Sein Wissen gibt er regelmäßig als Autor in relevanten Fachmedien an seine Leser weiter.

Lesermeinungen zum Artikel

2 von 5 Sternen | Insgesamt 2 Bewertungen und 3 Kommentare

  • Problem Versicherung

    Alexander am 13.06.2018 um 11.43 Uhr

    Hübsche Beispiele gibt sicher Stümper die so arbeiten. Aber es ist weniger das Problem das die Betroffenen die Notwendigkeit der Versicherung erkennen würden sondern viel mehr sind es die Versicherungskonzerne selbst die extrem abschreckend wirken. Es sind keine Einzelfälle in denen sich gerade bei diesen Versicherungen die Konzerne mit Faulen ausreden aus der Pflicht zu zahlen stehlen wollen was eine Haftpflicht komplett überflüssig macht. Wenn man im Schadensfall dann erst alles aus eigener Tasche zahlen muss und dann Jahre und viel Geld verschwendet gegen den Versicherungskonzern zu Prozessieren. Dann hat man zwei Schäden bei denen man in Vorleistung gehen muss mit ungewissem Ausgang. Das kommt besonders oft vor bei hohen Schäden. Ihre Beispiele sind eher Überschaubar aber bei Millionen Summen kommt bei den Versicherungen extreme Zahlungsunlust auf und kleine Schäden kann man selber Zahlen kommt es selten vor ist es sogar billiger als die Versicherung da diese extrem teuer sind.

  • Beispiele wirken nicht überzeugend.

    J. Nallin am 10.06.2018 um 18.46 Uhr

    Alles eher konstruiert, was aber sicher nicht bedeutet, dass man sich als Freiberufler nicht mit Fragen zur Haftung auseinandersetzen sollte.
    1. Mit welchem Kunden lasse ich mich ein ? Was unterschreibe ich ? Dienstleistung oder Werkvertrag ?
    2. Wenn ein Kunde von einem Risiko spricht - dann muss man genau abstimmen was wann passiert.
    3. Nebenbei : Wie hoch ist das Risiko dass ich mein Geld nicht bekomme ?
    4. Ich habe zwar selbst eine IT-Haftplichtversicherung abgeschlossen, aber mit einem Kunden oder einem Auftrag der nicht zu mir passt - da bin ich zurückhaltend. Wer braucht eigentlich wen, und wer trägt das Risiko des Software-Einsatzes ?
    5. Und mit dem Kleingedruckten und pauschalen den Auftrag in der Komplexität übersteigenden Vereinbarungen, womöglich noch als Sub-Subunternehmer. Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um.

  • Fragen

    Alexander am 08.06.2018 um 14.44 Uhr

    Paeckchenflut: Wer hat denn dieses stuemperhafte System programmiert, das einige Schritte nicht persistent speichert? Und das dann auch noch einfriert?

    Kundenwebsite: Vermutlich kein Test und Abnahmesystem ...

    Schneepflug: War hier wirklich die Vorgabe, dass die Telematik an die Sitzheizung gekoppelt wird? Ernsthaft?

    Angestellter zum Chef:
    "Hallo Chef, also ich kenne mich nicht mit der Technik aus, die Sache ist mir zu heiss, beauftragen wir doch lieber einen Selbststaendigen ..."

    Chef zum Selbstaendigen:
    "Diese kleine Sache haben Sie doch bestimmt in 10 Minuten geloest, es ist dringend und eilig - deshalb koennen wir kein Testsystem aufbauen und der Entwickler ist gerade nach Australien ausgewandert."

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