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Unbegründete Gewerbesteuer-Phobie der IT-Freiberufler

Steuerreform 2000: Bleibt die Gewerbesteuer ein Schreckgespenst für Einzelunternehmer?

30.01.2003
Oliver Stiller
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Wer die einschlägigen Informationsquellen für IT-Freiberufler aufmerksam liest, kommt leicht zu dem Schluss, dass ein Schreckgespenst namens Gewerbesteuer droht, welches in jahrelangen Kämpfen gegen das Finanzamt, und unter Einschaltung von teuren Beratern und mit größter Anstrengung besiegt werden muss. Während diese weitverbreitete Angst im letzten Jahrtausend noch begründet war, hat sich mit der Einführung der Steuerreform von 2000 einiges geändert, so dass neu gerechnet werden muss, ob die Vorteile des Freiberuflers noch signifikant sind.

Exkurs: Der Begriff "Freiberufler" im volkstümlichen Sinne

Oft werden alle selbstständigen IT-Berater, Projektleiter, Entwickler und Administratoren unter dem Begriff "IT-Freiberufler" im volkstümlichen Sinne subsummiert. Im steuerrechtlichen Sinne handelt es sich zumeist um selbstständige Einzelunternehmer, die jeweils entweder Freiberufler oder Gewerbetreibende sind. Selbständige, die als Rechtsform für ihr Unternehmen die GmbH gewählt haben, betrifft dies nicht, da dann die Kapitalgesellschaft in jedem Fall gewerblich ist. Auch die Inhaber von kleinen GmbHs werden jedoch bisweilen noch umgangssprachlich als "IT-Freiberufler" gehandelt. Die folgenden Ausführungen betreffen ausdrücklich nur Einzelunternehmer und keine GmbHs.

Die Angstfaktoren

Als Angst-Treiber mit Hinblick auf die Anerkennung als Freiberufler werden unter IT-Selbstständigen im Allgemeinen die drohende Gewerbesteuerpflicht, sowie "weichere" Faktoren wie Zwangsmitgliedschaft in der IHK und erhöhte Anforderungen an die Buchführungspflichten genannt. In diesem Artikel möchte ich lediglich auf die Auswirkungen hinsichtlich der Gewerbesteuerpflicht eingehen, da hier das Bedrohungspotential offenbar - vor dem Hintergrund der erheblichen Belastung in der Vergangenheit - noch immer überschätzt wird.

Eckdaten der Steuerreform 2000

Die wesentlichen Änderungen aus der Sicht der IT-Selbstständigen betreffen die Steuersätze der Einkommensteuer sowie die Anrechnung des 1,8-fachen Messbetrages der Gewerbesteuer auf die Einkommensteuerschuld. Letzteres hat den Effekt, dass sich die Gewerbesteuer nun zweifach auf die Einkommensteuerlast des Steuerpflichtigen auswirkt:

  • Der Unternehmensgewinn, und somit auch das zu versteuernde Einkommen, vermindert sich um die Gewerbesteuer.
  • Die zu zahlende Einkommensteuer vermindert sich um den 1,8-fachen Messbetrag der Gewerbesteuer. Hier wird also nicht (nur) das zu versteuernde Einkommen nochmals gesenkt, sondern wirklich von der zahlbaren Steuer abgezogen.

Die Spitzensteuersätze für die Einkommensteuer betragen künftig:

Jahr

Steuersatz

Steuersatz - real (ca.)

2001 - 2003

48,5%

51%

2004 *)

47%

49%

2005

42%

44%

*) ursprünglich geplant ab 2003

In der Spalte "Steuersatz - real" habe ich mir erlaubt den effektiven Steuersatz inklusive Solidarzuschlag anzugeben, um realistische Werte für die folgenden Berechnungen verfügbar zu haben.

Schwierigkeiten beim Vergleich

Im Folgenden soll die Gesamtsteuerbelastung eines Selbstständigen, der entweder als Freiberufler oder als Gewerbetreibender behandelt wird, vergleichsweise betrachtet werden. Dabei wird die Gesamtbelastung als Summe aus Gewerbesteuer und Einkommensteuer berechnet. Hier ergibt sich das grundlegende Problem, dass die einkommenssteuerlichen Effekte sich je nach den persönlichen Verhältnissen des Steuerpflichtigen unterschiedlich auswirken. Hier fließen der Veranlagungszeitraum, etwaige Verluste oder Gewinne aus Kapitalanlagen, Vermietung- und Verpachtung, bei gemeinsamer Veranlagung das Einkommen des Ehepartners etc. mit ein. Aus diesem Grund werden verschiedene Szenarien berechnet, jeweils unter der (durchaus realistischen) Annahme, dass zusätzliches Einkommen außerhalb der Einkommensteuerprogression zum Spitzensteuersatz versteuert wird.

Beispielrechnungen

Angenommen, ein durchschnittlicher IT-Freiberufler, rechnet im Jahr 1600 Stunden zu je 70 € ab, macht somit 112.000 € Umsatz und hat Betriebsausgaben in Höhe von 12.000 €. Es verbleiben 100.000 € Gewinn.

Eine Einstufung als Gewerbetreibender würde sich so auswirken:

90.561 €

Jahresgewinn (nach Gewerbesteuerrückstellung)

9.459 €

Gewerbesteuer (bei 450 Protzent Hebesatz)

Der Gewinn, und somit das zu versteuernde Einkommen vermindert sich um 9.459 €. Bei einem pers. Spitzensteuersatz von 50 Prozent ergibt sich eine Steuerersparnis von:

9.459 €

* 50% = 4.729 €

Der anrechenbare 1,8-fache Messbetrag zur Gewerbesteuer beträgt:

3.783 €

Insgesamt ergibt sich:

9.459 €

Belastung durch Gewerbesteuer

4.729 €

Entlastung Einkommensteuer (geringeres Einkommen)

3.783 €

Entlastung Einkommensteuer (Anrechnung)
 

947 €

Gesamtbelastung

Der steuerrechtlich anerkannte Freiberufler spart also hier gegenüber dem Gewerbetreibenden 947 € pro Jahr d.h. etwa 80 € pro Monat.

Analog können wir den Steuervorteil des Freiberuflers unter anderen Rahmenbedingungen berechnen. Wir bemühen hierzu zwei weitere, imaginäre Kollegen: den Junior-Freiberufler und den Über-Freiberufler.

 

Stundensatz

Stunden p.a.

Umsatz

Kosten

Gewinn

Junior-Freiberufler

50 €

1.600

80.000 €

10.000 €

70.000 €

"Normal"-Freiberufler

70 €

1.600

112.000 €

12.000 €

100.000 €

Über-Freiberufler

120 €

1.500

180.000 €

30.000 €

150.000 €

2001 - 2003: Steuervorteil des Freiberuflers bei 51 Prozent Spitzensteuersatz

Jahresgewinn

Hebesatz

 

360%

400%

450%

480%

70.000,00 €

- 34,62 €

151,72 €

377,55 €

509,45 €

100.000,00 €

- 78,56 €

343,32 €

851,31 €

1.140,57 €

150.000,00 €

- 154,83 €

676,68 €

1.677,87 €

2.259,18 €

Die 360%-Spalte weist tatsächlich negative Zahlen aus. Dies bedeutet der Freiberufler zahlt hier mehr (!) Steuern, als der entsprechende Gewerbetreibende.

2004: Steuervorteil des Freiberuflers bei 49 Prozent Spitzensteuersatz

Jahresgewinn

Hebesatz

 

360%

400%

450%

480%

70.000,00 €

34,62 €

227,58 €

461,45 €

598,05 €

100.000,00 €

78,56 €

514,98 €

1.040,49 €

1.338,93 €

150.000,00 €

154,83 €

1.015,02 €

2.050,73 €

2.652,08 €

Ab 2005: Steuervorteil des Freiberuflers bei 44 Prozent Spitzensteuersatz

Jahresgewinn

Hebesatz

 

360%

400%

450%

480%

70.000,00 €

207,72 €

417,23 €

671,20 €

819,55 €

100.000,00 €

471,36 €

944,13 €

1.513,44 €

1.834,83 €

150.000,00 €

928,98 €

1.860,87 €

2.982,88 €

3.634,33 €

Da ein verheirateter, alleinverdienender Selbstständiger bei Besteuerung nach Splittingtabelle ohne sonstiges Einkommen möglicherweise "in der Progressionskurve" bleibt, soll im letzten Szenario noch (näherungsweise) mit nur 35 Prozent Spitzensteuersatz gerechnet werden. Bei 70.000 € Jahresgewinn dürfte dies in etwa realistisch sein.

Steuervorteil des Freiberuflers bei 35 Prozent Spitzensteuersatz

Jahresgewinn

Hebesatz

 

360%

400%

450%

480%

70.000,00 €

519,30 €

758,60 €

1.048,75 €

1.218,25 €

Alle Berechnungen zur Gewerbesteuer können Anhand von frei zugänglichen Online-Rechnern leicht nachvollzogen werden (siehe z.B. www.steuernetz.de )

Fazit

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die reale Belastung durch Gewerbesteuerpflicht bei den meisten, typischen IT-Selbstständigen unter 100 € pro Monat beträgt. Die effektive Steuerlast beträgt typischerweise unter 1 Prozent, in Extremfällen bis zu ca. 2 Prozent vom Umsatz.

Lediglich bei hohen Umsätzen/Gewinnen und gleichzeitig hohen Hebesätzen, wie sie in den Großstädten zu finden sind, steigt die Belastung auf bis zu ca. 200 € pro Monat. Mit der Realisierung der letzten Stufe der Steuerreform - geplant für das Jahr 2005 - wird die relative (!) Mehrbelastung leicht steigen, wobei dann gleichzeitig für beide - Freiberufler wie Gewerbetreibende - die Absolutbelastung durch die geringere Einkommensteuer sinkt.

Wer sich einmal mit dem "harten Los" der gewerblichen Tätigkeit abfindet, und die faktisch doch recht geringen zusätzlichen Belastungen in Kauf nimmt, genießt gegenüber dem Freiberufler jedoch auch Vorteile und Erleichterungen

  • Aufträge (beispielsweise zur Anwendungsentwicklung) können bedenkenlos angenommen werden, ohne Notwendigkeit zur Prüfung mit Hinblick auf Freiberuflichkeit
  • Auch größere Projekte können mit Angestellten oder Subunternehmern abgewickelt werden
  • keine zeitaufwändige und nervenaufreibende Auseinandersetzung mit dem Finanzamt und Betriebsprüfern mit Hinblick auf Freiberuflichkeit
  • Keine Kosten für Gutachten, Berater oder gar Gerichtskosten im Zuge von Auseinandersetzungen mit dem Finanzamt bzgl. Freiberuflichkeit

Wer sich als Freiberufler gar - mit Hinblick auf den freiberuflichen Status - dazu verleiten lässt, Aufträge mit gewerblichen Charakter abzulehnen, und dadurch einen - auch nur geringen - Umsatzausfall erleidet, stellt sich schon schlechter als ein Gewerbetreibender, der auf breiterer Front sorglos akquirieren kann.

 

Alle Angaben und Beispielberechnungen ohne Gewähr für Richtigkeit, etwaige Fehler oder Irrtümer.
Autor: Oliver Stiller ist selbstständiger Software-Entwickler in München. E-mail: oliver_stiller@gmx.net.