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Lust auf Verlust? Steuererstattung durch rote Zahlen

16.08.2018
Robert Chromow – Freiberuflicher Autor
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Die jüngste GULP Freelancer Studie zeigt einmal mehr: Rote Zahlen sind für IT-Freiberufler angesichts günstiger Auftragslage, sprudelnder Umsätze und hoher Gewinne derzeit kein Thema. Und doch gibt es im Einzelfall Lebenssituationen und geschäftliche Konstellationen, bei denen am Jahresende unterm Strich ein Minus steht. Denken Sie nur an ...

  • Gründungsjahre mit hohen Investitionen,
  • Phasen längerer Krankheiten oder Unfallfolgen,
  • Babypausen oder die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger,
  • Sabbatjahre und andere freiwillige Auszeiten.

Obwohl Sie in diesen Zeiten wenig Einnahmen erzielen, laufen eine Menge geschäftlicher Ausgaben weiter: Angefangen bei der Büromiete über die Abschreibungen auf den Geschäftswagen und die Computer-Hardware bis hin zu Werbe- und Telekommunikationsaufwendungen.

Ihre Betriebsausgaben muss das Finanzamt grundsätzlich auch dann anerkennen, wenn Sie eine Weile geringe oder gar keine Einnahmen erzielen. Eine Pflicht, ununterbrochen zu arbeiten und Gewinne zu erzielen, gibt es nicht. Und dass Sie keine Einkommensteuer bezahlen müssen, wenn Ihr zu versteuerndes Einkommen unterhalb des Grundfreibetrags von zurzeit 9.000 Euro liegt, versteht sich auch von selbst.

Jahresübergreifender Verlustausgleich

Weit weniger bekannt ist dagegen der Anspruch auf den jahresübergreifenden Verlustausgleich: Mit dessen Hilfe holen Sie sich bereits gezahlte Steuern aus dem Vorjahr zurück (= Verlustrücktrag). Oder Sie lassen den Verlust für die Zukunft „anschreiben“ und mindern so die Steuerlast künftiger Jahre (= Verlustvortrag).

1. Verlustrücktrag

§ 10d Abs. 1 EStG sieht vor, dass „negative Einkünfte“ von bis zu einer Million Euro „vom Gesamtbetrag der Einkünfte des unmittelbar vorangegangenen Veranlagungszeitraums“ abgezogen werden dürfen. Bei zusammen veranlagten Ehepaaren liegt die Obergrenze für einen rückwirkenden Verlustausgleich sogar bei zwei Millionen Euro!

  • Die Einschränkung „unmittelbar vorangegangener Veranlagungszeitraum“ bedeutet, dass ein Verlustrücktrag nur ins direkte Vorjahr möglich ist. Verluste des Jahres 2018 führen also zu Erstattungen von Steuerzahlungen aus 2017. Steuern aus früheren Jahren erhalten Sie jedoch nicht zurück!
  • Die Formulierung „Gesamtbetrag der Einkünfte“ stellt klar, dass ein Verlustausgleich nicht etwa nur innerhalb einer bestimmten Einkunftsart stattfindet. Ein Minus aus der IT-Freiberuflichkeit kann also ohne Weiteres mit steuerpflichtigen Einkünften als Arbeitnehmer, Vermieter oder aus einem Gewerbebetrieb verrechnet werden. Das gilt sowohl für Rückträge als auch Vorträge von Verlusten.

Beispiel: Angenommen, ein IT-Profi hat 2017 noch als Arbeitnehmer gearbeitet, 90.000 Euro verdient und darauf als Single rund 31.000 Euro Steuern gezahlt. Zum Jahresende scheidet er bei seinem Arbeitgeber aus. Im ersten Halbjahr 2018 macht er eine lange geplante Weltreise und entscheidet sich währenddessen, in Zukunft freiberuflich zu arbeiten. Gute Kontakte und Aussichten auf attraktive Projekte hat er genug – kurzfristig ergeben sich aber nur einige kleinere Aufträge. Aufgrund zahlreicher Anfangsinvestitionen und Ausgaben für eine längere Fortbildung ergibt sich daher für das erste Geschäftsjahr unterm Strich ein Verlust in Höhe von 35.000 Euro.

Die Folge: Durch den Verlustrücktrag verringert sich das zu versteuernde Einkommen des Jahres 2017 von 90.000 Euro um 35.000 Euro auf 55.000 Euro. Dadurch sinkt die Steuerbelastung um etwa die Hälfte: Das Finanzamt stellt einen neuen Steuerbescheid für 2017 aus und zahlt anstandslos rund 15.500 Euro Einkommensteuer und Solidaritätszuschlag zurück!

Wichtig:

Um den Verlustrücktrag und die Korrektur des Vorjahres-Steuerbescheids kümmert sich das Finanzamt automatisch. Ein Antrag ist nicht mehr erforderlich. Eine Pflicht zum Verlustrücktrag gibt es jedoch nicht: Angenommen, Sie haben im Vorjahr vergleichsweise geringe Einkünfte erzielt und entsprechend wenig Steuern bezahlt. Für die Folgejahre rechnen Sie dagegen mit deutlich höheren Einkünften und einer größeren Steuerbelastung: Ein Verlustrücktrag ins relativ gering besteuerte Vorjahr wäre dann verschenkt! In dem Fall können Sie ganz oder teilweise auf den Verlustrücktrag verzichten und stattdessen den Verlustvortrag in Anspruch nehmen.

2. Verlustvortrag

Falls der Verlust durch einen Rücktrag ins Vorjahr noch nicht komplett kompensiert ist (oder Sie freiwillig auf den Verlustrücktrag verzichten), dürfen Sie die noch „nicht ausgeglichenen negativen Einkünfte“ gemäß § 10d Abs. 2 EStG mit steuerpflichtigen Einkünften der Folgejahre verrechnen lassen.

Eine zeitliche Befristung gibt es beim Verlustvortrag nicht. Mit anderen Worten: Sie dürfen rote Zahlen vor sich herschieben, bis sie schwarz werden. Allerdings gelten folgende betragsmäßige Obergrenzen für Verlustvorträge:

  1. Singles:
    • voller Verlustausgleich für (verbliebene) Verluste bis zu einer Million Euro
    • darüber hinaus: 60 Prozent des eine Million Euro überschreitenden Betrags
  2. Zusammen veranlagte Ehepaare:
    • voller Verlustausgleich für (verbliebene) Verluste bis zu zwei Millionen Euro
    • darüber hinaus: 60 Prozent des zwei Millionen Euro überschreitenden Betrags

Angesichts des meist vergleichsweise geringen Investitionsbedarfs sind Verluste in Millionenhöhe bei IT-Freiberuflern zum Glück kaum zu befürchten.

Bitte beachten Sie:

IT-Profis, die ihre Leistungen als „Körperschaft“ vermarkten (z. B. im Rahmen einer GmbH oder Genossenschaft), müssen beim Verlustausgleich besondere Vorschriften beachten. Aktuelle Informationen zur steuerlichen Verlustverrechnung bei Körperschaften finden Sie in Teil 4 unseres Steuer-Updates 2018.

Fazit

Schwankende Gewinne und Verluste durch berufliche Auszeiten, Krankheit, Unfall oder auch geschäftliche Flautephasen sind ganz legal und völlig legitim. Verluste sind keine Steuer-Straftaten! In fetten Jahren bezahlen Sie hohe Steuern: Da ist es Ihr gutes Recht, in mageren Jahren davon etwas zurückzubekommen. Falls Sie aus persönlichen oder geschäftlichen Gründen andauernd Verluste einfahren, wird das Finanzamt Ihnen allenfalls irgendwann „Liebhaberei“ unterstellen. Das geschieht aber frühestens nach ein paar Jahren.

Wie Sie absehbare Verluste optimal mit bereits gezahlten Steuern verrechnen oder für die Zukunft anschreiben lassen, besprechen Sie am besten mit Ihrem Steuerberater. Falls Sie noch keinen Berater haben, leistet der GULP-Beitrag „Brauchen IT-Freiberufler einen Steuerberater?“ erste Hilfe.

Lesermeinungen zum Artikel

5 von 5 Sternen | Insgesamt 1 Bewertung und 1 Kommentar

  • Umsatzsteuer!

    Martin1 am 17.08.2018 um 07.28 Uhr

    Was fehlt in dem Artikel ist die Betrachtung der Umsatzsteuer!
    Falls nicht von der Kleinunternehmerregel gebrauch gemacht wird, kann es bei Verlusten (Ausgaben > Einnahmen) zu einem Vorsteuerüberhang kommen. In so einem Fall erstattet das Finanzamt die gezahlte Umsatzsteuerdifferenz!

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