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Teure Nebeneinkünfte: Vom Freiberufler zum Gewerbe wider Willen

Wann müssen freiberuflich anerkannte Selbstständige Gewerbesteuern zahlen?

20.08.2015
Robert Chromow – Freiberuflicher Autor
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Was viele anerkannt freiberuflich Tätige nicht wissen: Bereits kleinere gewerbliche Nebeneinkünfte können zum Verlust der Freiberufler-Privilegien führen – darunter auch der steuerlichen (Abfärbetheorie). Umstritten war lange, bis zu welcher Bagatellgrenze gewerbliche Einkünfte von Finanzämtern toleriert werden müssen. Der Bundesfinanzhof hat kürzlich gleich drei Urteile dazu veröffentlicht.

Ab welcher Umsatz-Größenordnung gewerbliche Nebeneinkünfte dazu führen, dass aus anerkannt freiberuflich tätigen Selbstständigen Gewerbetreibende werden, war selbst in der Fachliteratur lange umstritten. Laut Gesetz gibt es grundsätzlich kein Pardon: So regelt § 15 Abs. 3 Nr. 1 EStG, dass eine Personengesellschaft „in vollem Umfang“ als Gewerbebetrieb gilt, wenn die Gesellschaft „auch […] gewerbliche Einkünfte“ erzielt. Eine Bagatellgrenze für die vollständige „Umqualifizierung“ der Einkünfte sieht das Gesetz nicht vor.

Jedoch wurden immerhin geringfügige gewerbliche Tätigkeiten bereits in der Vergangenheit als unschädlich für den Freiberufler-Status eingestuft. Als unbedenkliche prozentuale Untergrenze galt lange Zeit ein vom Bundesfinanzhof (BFH) festgelegter gewerblicher Anteil von 1,25 Prozent des Gesamtumsatzes. Großzügigere Richter werteten in Einzelfällen auch gewerbliche Umsatzanteile von 2,8 Prozent bis 5 Prozent als unschädlich. Andere Finanzgerichte wiederum betrachteten gewerbliche Nebeneinkünfte bis zum Gewerbesteuerfreibetrag von 24.500 Euro als Bagatelle.

Aktuelle BFH-Grundsatzurteile

Der Bundesfinanzhof hat kürzlich gleich drei Urteile veröffentlicht, wann gewerbliche Nebeneinkünfte den Freiberufler-Status gefährden. Ohne Folgen bleibt demnach ein gewerblicher Einnahmenanteil von „äußerst geringen Umfang“: Als äußerst geringfügig gelten demnach Gewerbe-Einnahmen, solange sie …

  • 3 Prozent der Gesamt-Nettoumsätze nicht übersteigen und
  • unter 24.500 Euro liegen.

Angenommen, Sie erzielen als Freiberufler mit selbstständigen Tätigkeiten im Sinne des § 18 EStG pro Jahr 80.000 Euro Umsatz. Dann sind gewerbliche Nebeneinkünfte von bis zu 2.400 Euro grundsätzlich unbedenklich. Übernehmen Sie darüber hinaus jedoch weitere gewerbliche Aufträge, besteht die Gefahr, dass Ihr Gesamtumsatz als gewerblich eingestuft wird!

Bitte beachten Sie: Die genannten BFH-Urteile zur Abfärbetheorie, also zur Frage, wann der Gewerbeanteil sich auf die freiberuflichen Umsätze auswirkt, bezogen sich auf den Fall der Freiberufler-Kooperationen (wie zum Beispiel eine GbR). Gewerbliche Aufträge eines einzelnen Gesellschafters gefährden den Freiberufler-Status der Gesamtgesellschaft.

Die neuen Bagatellgrenzen können von den Finanzämtern aber auch auf einzelne Selbstständige angewendet werden, sofern der gewerbliche Anteil nicht „untrennbar“ mit einer ansonsten eindeutig freiberuflichen Haupttätigkeit verbunden ist.

Praxistipps:

  • Welche Aufträge zweifelsfrei als Ergebnis freiberuflicher, selbstständiger Tätigkeit gelten, besprechen Sie am besten mit Ihrem Steuerberater oder Sie fragen bei Ihrem Berufsverband nach.
  • Dort erfahren Sie auch, ob und wenn ja, welche gewerblichen Nebeneinkünfte im Einzelfall selbst dann noch unschädlich sind, falls die 3 Prozent-Grenze überschritten ist.
  • Im Zweifel ziehen Sie am besten die Gründung eines separaten Gewerbebetriebs in Betracht: Das bringt zwar zusätzlichen Verwaltungsaufwand mit sich. Sie stellen auf diese Weise aber sicher, dass der Gewerbeanteil nicht auf die freiberuflichen Umsätze abfärbt.

Kurzfristige Folgen einer Gewerbe-„Infektion“

Durch die drohende Umqualifizierung entsteht unter anderem Gewerbesteuerpflicht. Die wiederum führt in vielen Fällen zur Zwangsmitgliedschaft in der Industrie- und Handels- oder Handwerkskammer. Zwar gelten für Gründer und Kleingewerbetreibende in vielen Kammern Sonderkonditionen: Zusatzbelastungen drohen jedoch auch hier.

Die Gewerbesteuerpflicht bringt zudem bürokratischen Mehraufwand mit sich. So müssen Gewerbetreibende nicht nur zusätzlich den Gewerbeertrag ermitteln und eine jährliche Gewerbesteuererklärung abgeben: In vielen Fällen sind auch noch vierteljährliche Gewerbesteuer-Vorauszahlungen zu leisten.

Für Einzelunternehmer und Gesellschafter von Personengesellschaften gilt ein Gewerbesteuer-Freibetrag: Erst wenn der Gewerbeertrag (entspricht in etwa dem steuerlichen Einnahmenüberschuss = Gewinn) über 24.500 Euro liegt, wird Gewerbesteuer fällig. Außerdem werden Gewerbesteuerzahlungen seit der letzten Gewerbesteuerreform auf die persönliche Einkommensteuer angerechnet.

Das gilt jedoch nur bis zu einem „Gewerbesteuerhebesatz“ von 380 Prozent: Liegt der Gewerbesteuerhebesatz Ihrer Stadt oder Gemeinde über dieser Grenze, stellt die Gewerbesteuer eine echte finanzielle Zusatzbelastung dar. Ein angenommener Gewerbesteuerhebesatz von 430 Prozent bedeutet für unser Eingangsbeispiel überschlägig:

Beispielrechnung gewerbliche Nebeneinkünfte

Freiberufler-Jahresumsatz 80.000 Euro
unbedenklicher Gewerbe-Umsatzanteil: 2.400 Euro
tatsächlicher Gewerbe-Anteil 2.600 Euro (> 3%)
angenommener Gewinn (= Gewerbeertrag) 60.000 Euro
Gewerbeertrag minus 24.500 Euro Freibetrag 35.500 Euro
angenommener Gewerbesteuerhebesatz: 430 %
fällige Gewerbesteuer: ca. 5.341 Euro
anrechenbar auf Einkommensteuer  (5.341/430*380): ca. 4.720 Euro
Zusätzliche Steuerbelastung: 621 Euro

 

Ein geringfügiger Zusatzauftrag in Höhe von 200 Euro führt also bereits in diesem vergleichsweise harmlosen Beispiel zu einer Mehrbelastung von gut 600 Euro – die Kosten einer eventuellen Kammermitgliedschaft noch nicht einmal einkalkuliert. Bei höheren Gewinnen und/oder Gewerbesteuerhebesätzen liegt die Zusatzbelastung schnell im vierstelligen Bereich!

Hinzu kommt: Gut verdienende Selbstständige, die wider Willen zu Gewerbetreibenden werden, verlieren unter Umständen ihre Buchführungs-Privilegien. Anders als Freiberufler sind Gewerbebetriebe bereits ab einem Gewinn von 50.000 Euro zur doppelten kaufmännischen Buchführung mit Bewertungs- und Bilanzierungspflicht verpflichtet!

Augen auf bei Zusatzeinnahmen!

Gründe genug für freiberufliche Selbstständige, sehr genau auf den möglicherweise gewerblichen Charakter neuer Aufträge zu achten. Vor allem die naheliegenden und bequemen Mitnahmeeffekte durch schwunghaften (Online-)Handel sind alles andere als unbedenklich. Bei den jetzt von den BFH-Richtern entschiedenen Fällen ging es zum Beispiel um Freiberufler, die neben ihrer ansonsten eindeutig selbstständigen Tätigkeit mit Merchandising-Artikeln gehandelt oder Provisionserträge erzielt hatten.

Informationen zum Autor: Robert Chromow arbeitet als freiberuflicher Autor, Redakteur und Berater im eigenen „Projektbüro“.